Online

Meine lieben Leser, ich habe es fast geschafft! Ich, ein Dinosaurier im öffentlichen Raum, der sein Telefon nur und ausschließlich zum Telefonieren benutzt, werde in Bälde mobil eintauchen in die unendlichen Weiten des World Wide Webs! Ich kann Ihnen versichern, dass mir dieser Schritt nicht so leicht fällt, wie es scheinen mag, denn vor diesem Schritt waren viele andere nötig, um zum aktuellen Schrittpunkt zu gelangen.

Alles begann im Herbst letzten Jahres, als ich mir einen guten Computer besorgt habe. Dank der selbstlosen Beratung eines verständigen Nachbarn kostete es mich nur eine halbe Stunde und den irritierten Blick eines Verkäufers im Computerladen, als ich den Betrag von knappen 2000 Euro anstandslos und komplett bezahlte und nicht mal nach einer Scheibe Gelbwurst verlangte. Meine Mutter hat mir beigebracht, keine Schulden zu machen, denn auch nach dem Krieg waren die Zeiten nicht immer gut und Gelbwurst mag ich eh nicht leiden. Der nächste Schritt zu diesem meinem heutigen Vermögen, weltweit Gesinnungsgenossen treffen zu können, war der schwere Gang in einen Mobiltelefonladen. Vor längerer Zeit hatte ich in dem mit der roten Sprechblase eine Begegnung der größten Eigenart, welche mich dazu veranlasste, diese Art der Verkaufskultur generell zu meiden. Ich ging damals doch tatsächlich in den Laden, vor dem ein übergroßes Mobiltelefon stand und sagte: Grüß Gott, ich hätte gern ein Handy, meines ist nämlich kaputt. Der junge Mann, der mir beim Betreten beflissen entgegeneilte, hielt abrupt in der Bewegung inne und noch im Erstarren antwortete er: Haben wir nicht, leider. Gut, dachte ich mir damals, ich kann ja auch nicht von jedem Metzger erwarten, dass er Wurst verkauft. Also beschloss ich, diesmal wenigstens die Farbe des Anbieters zu wechseln, um mir jenes technische Gerät zu besorgen, mit dem ich mit meinem neuen Computer auch online gehen kann, ohne eine monatliche Gebühr und Kabellage in Kauf nehmen zu müssen. Ich will doch gar nichts anderes, als mit Ihnen meine lieben Leser besser in Kontakt treten zu können, weswegen ein ‚prepaid stick’ vollkommen ausreicht. Bei diesem Begriff kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Vorbezahlt sind alle meine Sachen, da ich den entsprechenden Betrag immer vor dem Benutzen an der Kasse des entsprechenden Ladens abgebe, aber vielleicht widme ich mich demnächst ausführlich dem Thema ‚prepaid Äbbfl und Bodaggn aus dem Umland’.

Ich betrat also den blauen Laden freundlich grüßend und der junge Mann am Tresen verlangte nach Schilderung meines Begehrs meinen Reisepass. Ich fragte mich gerade, ob man im Netz jetzt doch Grenzen habe und dies vielleicht gar kein Mobilfunkverkäufer, sondern ein mieser Menschenschmuggler war, der mir meinen Reisepass abnehmen und geistigen Flüchtlingen des WWWs für ihre Seele verkaufen würde, da grinste er auch schon breit und sagte: Perso geht auch. Ich schau mal eben hinten, ob noch was da. Ist, ergänzte ich im Geiste, da kam er auch schon wieder, grinste immer noch und sagte: Sorry du, wir haben keine mehr. Tut mir escht leid. Aber wir haben andere Läden zwei noch in der Stadt. Die haben bestimmt. Tut mir escht sehr leid. Tat es ihm nicht, so hatte er auch schon mit der Dame vor mir gesprochen. Ich behielt meinen Perso-nalausweis und mein Leben und eilte Schritt drei entgegen. Dieser bedurfte einer halben Stadtwanderung. Endlich kam ich in einen der zwei anderen Läden an und da bediente mich diesmal eine Frau. Um die auswendig gelernte Verkaufsgesprächsprozedur zu umgehen, sagte ich höflich aber bestimmt: Grüß Gott, ich möchte einen prepaid stick nebst entsprechendem Guthaben und komme von ihrem Kollegen, der hat mich schon über alles aufgeklärt. Freundlich lächelte ich, die Dame schaute, wie eine von der Sonne geblendete Spitzmaus. Sie zückte Papiere, tippte eifrig an ihrem PC, verlangte meinen Perso-nalausweis, um meine Daten einzugeben und drehte mir dann flink den Bildschirm hin mit der Bitte um Kontrolle und Bestätigung der Richtigkeit meiner Daten. Ich sagte, dass ich die Ausweisidentifikationsnummer jetzt nicht nachkontrollieren werde, es wird schon stimmen. Sie lächelte verstört und sagte, dass sich der Computer schon gemeldet hätte, wenn sie etwas falsch eingegeben hätte, woraufhin ich fragte, ob sie denn eine Verbindung zum Einwohnermeldeamt hätte, um meine persönliche Identifikationsnummer kontrollieren zu lassen. Mir wurde wieder einmal die Gefährlichkeit der Datenvernetzung bewusst und Fräulein Spitzmaus machte hektische Schnupper- Kaubewegungen. Ich unterzeichnete, sie unterzeichnete, keinen Vertrag, aber sowas Ähnliches, damit meine Daten zurückverfolgt werden können? Das Fräulein ignorierte diese Frage und wir schritten zur Kasse. Dort erklärte sie mir dann, wie ich den Stick aktivieren kann: sie klicken alles Entsprechende an, dann müssen sie kurz warten und dann erhalten sie eine e-mail und können online-gehen. Aha. Aber wenn ich doch noch gar nicht online bin, wie kann ich denn dann eine e-mail erhalten? Das Fräulein nagte kurz an der Tischplatte vor sich, dann lächelte es schüchtern und sagte: ich sag zu SMS immer e-mail. Aha. Ich habe aber doch gar nicht meine Mobilfunknummer angegeben, wie soll ich denn da die SMS erhalten? Das Fräulein wiederholte die drei Schritte: eingeben-warten-SMS noch mehrmals, schrieb sie sogar krakelig auf meine Rechnung und sagte dann: wenn es nicht funktioniert, dann kommen sie am Montag wieder und wir machen es hier, aber bringen sie unbedingt ihr laptop mit, denn bei uns im Laden funktioniert das nicht. Ich fragte jetzt nicht weiter nach, was denn genau in ihrem Laden alles nicht funktioniere, sondern eilte nach Hause.

Und hier begebe ich mich jetzt flink zu Schritt vier, aktiviere den Stick mit den drei lustigen ‚Wechselcovern’ in weiß, hell- und dunkelblau, die vermutlich zur besseren Erkennung bei entsprechender Tages- und Lichtsituation dienen. Wenn so ein Ding einmal in der Seite des Computers steckt, kann man es schon leicht übersehen und dann vielleicht für eine Wurst halten vom Metzger, der gar keine Wurst verkauft. Meine lieben Leser, wenn Sie diesen Artikel lesen, habe ich es geschafft und die Hürden zum Betreten des world wide webs erfolgreich genommen- ich freue mich auf eine rege Anteilnahme und verbleibe mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

Ein Kommentar zu “Online

  1. Pingback: Nochmal aufgepasst | Frau Körb

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