Ordnung

Ordnung muss sein, besonders in Deutschland und noch besonderer in unserer Stadt. Der Winter hat jetzt endlich zum Schnee auch Frost, so soll das sein. Ein Winter mit fast 10 Grad plus ist kein Winter, da können Sie sagen, was Sie wollen. Zum Schnee gehört wiederum auch eine Ordnung, nämlich die Schneeordnung. Diejenigen von Ihnen, die in einem Mehrparteienhaus wohnen, wissen, wovon ich rede und kennen mit Sicherheit das Folgende: Flocken fallen vom Himmel, dass die Schneeberge höher noch als 20 Zentimeter werden, die Gehsteigplatten sind nicht mehr zu erkennen. Es schneit und schneit und schneit, eine Ruhe legt sich über das ganze Haus- und nichts passiert. Es hört auf zu schneien, der Schnee liegt mittlerweile fast einen halben Meter hoch, die Bewohner und Passanten weichen zum Laufen auf die Straße aus- und nichts passiert. Wie wir dank alter Zeitungsartikel, die uns eifrige Nachbarn alljährlich unter die Nase halten, wissen, müssen beim Fallen der ersten zehn Schneeflocken Schutzmaßnahmen in Form von aktiver Räumung einer Laufschneise von Zweipersonenbreite ergriffen werden, da es sonst bei Unfällen zu erheblichen Schadensersatzforderungen kommen kann, die wiederum auf die gesamte Hausgemeinschaft umgelegt werden.

Soweit so gut, aber trotz der gesetzlichen Ordnung passiert in unserem Fall nichts. Alle wissen um ihre Pflicht, alle wissen, wo das Räumwerkzeug steht, aber es bewegt sich einfach nichts. Eine Starre klebt zäh wie warmer Gummibärchensaft im Treppenhaus und in diese Starre werden von vielen Mietparteien immer wieder die Worte geflüstert: Wer hat eigentlich die Schneeordnung- jenes widerliche Papier, welches akribisch dokumentiert, wann welche Partei wieviele Schneeflocken beräumt hat? Es soll bloß keiner nicht zuwenig machen, Ordnung muss schließlich sein. Am Ende einer jeden Schneeperiode verschwindet dieses Blatt immer ins Unergründliche. Das ist wohl seit vierzig Jahren so, teilte mir der Nachbar aus dem dritten Stock mit. Fallen nun die ersten Flocken, beginnt die hektische Suche und das freundliche Schuldzuweisen in Campingplatzmanier: ich will ja nicht stören, aber kann es sein das?- Nein, kann es nicht, aber vielleicht die unten drunter- ach ja die, na die, na ja.

Nach zwei Tagen erbarmt sich jemand vom Parterre, fegt den Türstock nebst einem Radius von dreißig Zentimetern und stellt zumindest schon mal die Schippe in den Hausgang. Schließlich will man im Parterre ja nicht den ganzen Dreck und die Nässe haben. Alle treten kopfschüttelnd den Schnee vor der Tür fest, der Frost tut sein Übriges und mittlerweile ist der Gang zu unserem Haus ein beliebter Schlitterweg für Kinder geworden. Heuer habe ich erneut am dritten Tag zu Eiskratzer und Besen gegriffen, denn als Vertreter der besseren Gesellschaft, die sich um ihre Mitbürger sorgt, gehe ich mit leuchtendem Beispiel voran.

Ich sage Ihnen, liebe Leser, es gibt nichts Einfacheres, als den ersten Stein zu greifen und es gibt nichts Schöneres, als ihn dann auch zu werfen! Es macht so warm ums Herz, wenn man bedenkt, dass die garstige Oma aus dem ersten Stock jetzt doch aus dem Haus kann und sich den Oberschenkelhals woanders bricht. Es ist so befreiend, wenn man geduckt neben den parkenden Autos derer aus dem dritten Stock den Eiskratzer wie einen Panzer vor sich her schiebt und dann einfach die erlöste Menge Eisschnee in hohem Bogen auf das Dach der Autos donnert. Das Ehepaar dritter Stock, das nun seit 40 Jahren hier wohnt und gern über zwei Parklücken pro Auto verfügt, denn schließlich zahlen sie die teuren Anwohnerparkausweise, was ihnen das Benutzen von vier Parkplätzen, also der halben Straße zuzusichern scheint- diese Beiden sind der Inbegriff der deutschen Ordnung. Es wird nur gemacht, was schwarz auf weiß geschrieben steht, es wird mehr als freundlich gegrüßt und das Wachstum der Pflanzen und Kinder bewundert und parallel dazu wird spioniert und gehetzt, dass das dritte Reich seine Freude gehabt hätte. Nun müssen Sie liebe Leser bedenken, dass wir in der ehemaligen Reichsparteitagsstadt nicht von unserer Geschichte lassen können und uns täglich daran erinnern müssen. Somit ist also schon die Luft, die wir hier atmen mit muffigem National angereichert, denn irgendwohin müssen schließlich die Erinnerungen.

Laut Aussage beider Ehepartner dritter Stock ist es seit vierzig Jahren immer das Gleiche mit der Schneeordnung, und ich denke mir, dann wird es aber Zeit, dass sich mal etwas ändert. Meine lieben Leser, ich kann Ihnen nur empfehlen, nehmen auch Sie die Ordnung selbst in die Hand und trotzen Sie damit jeder Art von gesellschaftlich auferlegten Zwängen! Schneeschippen nach Frau- Körb- Art schult sowohl die körperliche Kondition, die Koordination und schärft den Blick. Schließlich ist ein großer BMW von Ehegatte dritter Stock ganz schön hoch im Vergleich zum alten VW Golf seiner Gattin. Wenn dann der Besitzer des BMWs wie der Platzwart bellt: „Wer hat denn vor ihnen die Schneeordnung gehabt?“ und Sie antworten: „Weiß ich doch nicht, ich hab sie auch nicht, ich habs nur einfach gemacht!“- dann meine lieben Leser, ja dann kehrt wirklich Friede ein. Dann gehen Ihnen sämtliche unangenehmen Nachbarn aus dem Weg, denn das einer freiwillig was für andere macht, ist absolut suspekt. Die Nachbarn warten immer auf den Gegenschlag, dass Sie kommen und von ihnen fordern, ihre Autos umzuparken, oder ihr Gemöbel nicht bis vor die Dachbodentür zu deponieren oder einfach nachts keine Elefantenfangspiele zu veranstalten. Wobei ich mir Letzteres vielleicht doch noch überlege, denn Ehepaar dritter Stock macht dazu immer ganz merkwürdige Geräusche und ein wenig Ordnung muss auch für mich sein. Manche Dinge will ich einfach nicht hören oder gar mir vorstellen müssen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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