S.A. marschiert

Liebe Nürnberger, liebe Wahlnürnberger, liebe Nachnürnbergkommer, geschätzte Leser- wir leben in schweren Zeiten. Im Dezember des letzten Jahres war es besonders schlimm. Weltuntergangs- und Weihnachtsvorbereitungen liefen auf Hochtouren, die Verwandtschaft lauerte, Benzinpreise stiegen, Alkoholpreise sanken, denn auch die schlimmste Schwiegermutter lässt sich schön trinken. Wohl dem, der keine Schwiegermutter mehr hat!

Als ich in dieser Zeit Opa Siegfried im Altenheim besuchte und ihm zu diesem Glück gratulierte, grinste er wissend. Opa Siggi ist gar nicht mein Opa, aber ich besuche ihn immer mal wieder und wir trinken heimlich ein paar Schnäpse. Im Heim gibt es ja alles nur noch rationiert. Pro Tag zwei Zigaretten bekommt er, die er sich von den Schwestern abholen muss, pro Stunde sind es zehn Minuten Ansprache durch familienfremde Personen, meist in Form der blinden Erna aus dem Nachbarzimmer, die laut „Hallo?- Halloo?- Hallooo?“- rufend auf dem Gang herumirrt und sich gerne mal in fremde Betten setzt, um auszuruhen.  Hirnmasse ist im Heim auch rationiert. Opa Siggi hat das Pech, seine noch komplett funktionstüchtig bei sich zu tragen, aber wir arbeiten mit allen Mitteln daran, diesen Zustand zu ändern.

Beim letzten Besuch nun beschloss er, schon vor dem Schnaps zu singen. Er strahlte mich an und dann schmetterte er mit zittriger Stimme über die ganze Station: „Die Fahnen hoch ba bam ba ba ba bah bam- SA marschiert ba ba ba bah bah bam bababa bam!“ Ich muss wohl etwas irritiert geschaut haben, denn er unterbrach den Gesang für die Mitteilung, dass dies das Horst- Wessel- Lied sei und der auch umgekommen wäre. Darauf prostete er mir zu und vollendete die erste Strophe, in der es darum geht, Kommunisten und anderes Gesocks im Gleichschritt zu eliminieren. Punktgenau zum Ende der letzten Note gab es Protest von links. Schwester Irina schrie mit breitem russischen Akzent durch die Wand: „Chär Ahlberrt, ich chabe schon gesahgt Schluss, das gäht nicht so!“ „Meine Irina, oh meine Irina,“, flötete Opa Siggi durch die Wand „nur ein kleines Liedchen, nur ein ganz kleines!“ Worauf er mir wieder zuprostete und dann die Internationale anstimmte. Jetzt gab es massiven Protest von der rechten Seite. Es wurde energisch gegen die Wand geklopft und durch ein „Kom- mu- nis- ten- schwein!“ rhythmisch unterstützt. Oma Erna kam aus Schlesien und war auf die Kommunisten gar nicht gut zu sprechen, aber das sollte uns nicht stören. So ein gescheiter Zwetschger lässt selbst die rationierte Tristesse im Altenheim hell in Frohsinn erstrahlen. Wir genehmigten uns daraufhin auch gleich noch einen und stimmten gemeinsam ein neues Lied an. Opa Siggi erhob sich aus dem Rollstuhl, seine Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen und hielt dann die Luft an- und Opa Siggi tanzte mit mir. Wir hatten das Lied vom böhmischen Mädel, was zu ihrem Liebsten eilt erwischt, dessen Text und Melodie mir zwar absolut nicht vertraut waren, aber Opa Siggi sang mittlerweile für zwei. Das Tanzen war eher ein gestütztes Marschieren, doch wir wackelten gekonnt immer mal mit den Händen, ohne umzufallen. Als wir dann bei ‚Häschen in der Grube’ eine Art Polonaise  über den Gang zustande brachten, konnte sich selbst Schwester Irina nicht dem Charme von Opa Siggi entziehen und schob schnaufend ihre 120kg hinter der teildementen Schlange der Heimbewohner drein. Ich dachte mir, da hatte der Herr Siegfried Albert mit seinem ersten Lied doch vollkommen Recht – S.A. marschiert hieß bloß in diesem Falle: Mädel, ich will tanzen!

Liebe Leser, sollte Ihnen in nächster Zeit also ein Volksgenosse begegnen, der wirr nach dem Führer schreit und über Ausländer hetzt, dann schenken Sie ihm tüchtig ein, er hat Sie mit der Bedienung verwechselt und will doch nur einen Lambrusco!

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Frau Körb

Ein Kommentar zu “S.A. marschiert

  1. Pingback: Warteschleife 2015 | Frau Körb

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