Hausdrachen

Meine lieben Leser, aus den vielen Zuschriften der letzten Wochen ging mir besonders eine zu Herzen. Ein junges Paar aus der Weltstadt F. bei N. war in ein Mehrfamilienhaus gezogen und fand dort ein ganz seltsames Tier vor. Als weder der örtliche Tierschutz, noch WWF oder GREENPEACE helfen konnten, wandte sich das Paar verzweifelt an mich. Nach einer Vorort-Besichtigung und der ausführlichen Beratschlagung mit meinem Nachbarn, einem Biologen bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es sich bei dem Tier um ein besonders schönes Exemplar des gemeinen Hausdrachens handelt. Diese Spezies gehört zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten und bedarf unseres weltweiten Schutzes, um die biologische Vielfalt auf diesem Planeten zu erhalten.

Die Hausdrachen sind seit der Industrialisierung aus den Städten nicht mehr wegzudenken und doch wird ihre Zahl ständig dezimiert. Sie leben in nahezu jedem Wohnhaus, meistens im Parterre. Aus Gründen der Arterhaltung wird der gemeine Hausdrache erst in seinem Lebensherbst aktiv. Im Alter von ungefähr 60 Menschenjahren beginnt meist das Drachenweibchen, vereinzelt auch das Drachenmännchen, seine Umgebung genau zu studieren. Es entwickelt einen Alltagsplan und duldet keinerlei Abweichung von Selbigem. Dies kann bei vielen Weibchen innerhalb der nächsten Jahre dazu führen, dass der Nachwuchs mit Hinweisen wie: „Die Mülltonnen stehen fei seit 20 Jahren so und des bleibt a so!“ oder „Sie ham fei die Hausordnung no net gmacht!“ auf seine spätere Rolle vorbereitet wird. Der Hausdrache kümmert sich des Weiteren um Ein- und Ausgangsprotokolle der Hausgemeinschaft und deren Bekanntschaften, sowie um die Schließzeiten der allgemeinen Haustür. Ab 21.00Uhr ist die Ausgangspforte abzusperren, was zu Übungszwecken auch schon mal mitten am Tag geschehen kann. Ebenso kümmert sich der gemeine Hausdrache um Ordnung und Regeln im ganzen Haus, denn seien wir doch bitte ehrlich – wenn jeder Bewohner für sich schauen würde, was vor seinem Fußabtreter passiert, wo kämen wir denn da hin? Nicht ohne Grund verderben zuviele Köche den Brei und in einer Hausgemeinschaft ist es nicht viel anders. Es kann immer nur einen Chefkoch geben und der ist in diesem Fall schon immer der Hausdrache gewesen. Bisher war der Aktionsradius des Hausdrachen klar definiert und gesellschaftlich akzeptiert. Es gab eine Zeit, da wurden sie sogar gezüchtet. Man nannte sie Blockwarte und ihre Population erreichte einen Höchststand. Doch mit dem allgemeinen Sittenverfall droht nun auch dem gemeinen Hausdrachen der sichere Untergang, wenn wir nicht bald handeln!

Immer mehr Hausdrachen werden durch Zivilisationsübel wie Überfütterung mit „bofrost“-Produkten vorzeitig dahingerafft. Darum liebe Leser bitte ich Sie, nein, ich rufe Sie dazu auf: Schützen Sie den Hausdrachen! Egal welche Art von Beziehung Sie gerade zu Ihrem Exemplar pflegen, überflügeln Sie sich selbst und überhäufen Sie ihren Drachen mit der Anerkennung, die seine tägliche Mühsal verdient! Backen Sie Plätzchen, bringen Sie Tee und Konfekt vorbei, tragen Sie Taschen, auch wenn der Drachen diese nicht aus der Hand geben will. Er scheut ein wenig, da er positive Aufmerksamkeit nicht gewohnt ist. Helfen Sie Ihrem Drachen über die Straße, wenn nötig mehrmals, bis er auf der richtigen Seite bleibt. Bringen Sie ihm von Ihrem Essen und stören Sie sich nicht an Besserwisserei, die Zutaten betreffend, beinhaltet die gemeine Hausdrachensprache doch viele Paradoxa. Lernen Sie diese Sprache, indem Sie ihn überall beplauschen, singen Sie ihm Ständchen zu allen möglichen Tageszeiten, lesen Sie ihm die Zeitung vor, wenn möglich auch unter seinem Toilettenfenster. Spielen Sie Mensch-ärgere-Dich-nicht mit ihm. Ganz wichtig hierbei – lassen Sie ihn unbedingt immer gewinnen! Füttern Sie seinen Bubi mit Zuckerstückchen, lösen Sie für ihn seine Kreuzworträtsel, häkeln Sie angefangene Sofadeckchen zu Ende und betten Sie seine Füße auf Rosenkissen, auch wenn er sie partout auf dem Boden lassen will. Er muss sich zieren, denn ein echter Hausdrache fühlt sich eremitierend am wohlsten. Verbringen Sie deshalb immer nur maximal zwanzig Minuten in direktem Kontakt mit ihm, dies aber so oft, wie möglich.

Sollte Ihr Hausdrache trotz dieser Hege vorzeitig das Zeitliche segnen, so lassen Sie sich nicht entmutigen, ein neuer kommt bestimmt! Und wenn nicht, ziehen Sie weiter –  wir haben alle Nachbarhäuser und ein jedes Haus hat seinen Drachen!

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Frau Körb

Ein Kommentar zu “Hausdrachen

  1. Fällt mir dazu gerade so ein:
    Sagt der Richter zum Angeklagten: „Warum um Himmels willen haben Sie Ihre Frau denn vom Balkon geschmissen?“ Antwortet der Angeklagte: „Ich dachte, Drachen können fliegen.“

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