Endscheidung

Hiermit möchte ich mich außerordentlich bei allen sich zu Unrecht getroffen fühlenden Scheidungskindern entschuldigen. Sie haben Recht! Nicht jede Zerstörung einer kindlichen Weltordnung bedingt gleich psychische Fracks und Freaks, die den Untergang der Zivilisation beschleunigen. Dafür gibt es ja Gottlob noch all die ganzen Ratgeber und Geldabnehmer in diversen Bücherregalen und ärztlichen Praxen. Und natürlich sind die Betroffenen nicht asozial, im Gegenteil, sie füttern mit ihrer Unfähigkeit zur selbstständigen Problemlösung eine ganze Industrie, die sonst brotlos auf der Straße verhungern müsste, welches ein mehr als soziales Verhalten ist.

Ich möchte auch die Gefühle der Scheidenden berücksichtigen, für die das alles auch nicht einfach ist. Das verstehe ich voll und ganz. Auch mir fällt es schwer, geliebte alte Kleidungsstücke zu entsorgen. Da ist zum Beispiel dieses alte mittlerweile fast graue Oberteil, welches ich vor ungezählten Jahren dereinst aus dem Schrank einer Sommerliebe zog, um meine nächtliche Blöße zu bedecken, da der Freund des Geliebten zum späten Sonntagnachmittag spontan zu Besuch kam. Draußen vor dem Fenster stand ein alter Baum in Saft und Kraft, sein üppiges Blätterdach zauberte ein Lichtspiel auf den Dielenboden des Zimmers und es roch nach Leben, Lust und Liebe. Jedes Mal, wenn ich das Oberteil aus dem Schrank ziehe, kann ich es wieder riechen, kann die Wärme spüren. Und davon soll ich mich trennen, weil man es nicht mehr trägt, oder man fast durch den Stoff hindurchschauen kann? Nach so langer Zeit bin ich doch auch nicht mehr so modern, wobei ich jetzt nicht gerade behaupten kann, dass man durch mich hindurchschauen kann.

Ich höre Sie förmlich aufschreien: ein Ehepartner ist doch kein Kleidungsstück, das kann man doch gar nicht vergleichen! Kann man sehr wohl. Wenn Sie einmal aktiv Ihren Kleiderschrank öffnen, werden Sie merken, dass es Kleidungsstücke gibt, die Ihnen näher stehen, als andere. Da ist zum Beispiel dieses Hemd, das Sie jeden Morgen mit seinen Ärmeln zärtlich empfängt und sich sanft an Sie drängt. Da schlüpfen Sie nicht hinein, nein, das Hemd schmiegt sich zärtlich an Sie, bringt Sie zum Leuchten und Sie werden eins miteinander. Und glauben Sie mir: diese Einheit hält eine Ewigkeit, wenn Sie bereit sind, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren. Nehmen sie an, dass nach einigen Wochen ein mittelschwerer Gestank um Sie beide weht. Nehmen Sie an, dass Sie beide aus der Form geraten werden. Nehmen Sie an, dass sich Ihr Freundeskreis verändern wird. Nehmen Sie an, dass Ihre Einigkeit nicht immer auf positive Reaktionen stößt. Nehmen Sie an, dass es Momente gibt, in denen Sie den Anderen nicht ausstehen mögen. Und nehmen Sie bloß nicht an, dass von Nichts nicht Nichts kommt! Bemühen Sie sich ständig um den Anderen. Schenken Sie Ihrem Hemd kleine Aufmerksamkeiten, eine schöne Falte, ein nettes Wort. Machen SIE sich schön für Ihr Hemd! Lümmeln Sie nicht in mentalen Jogginghosen auf der Couch Ihrer Beziehung mit dem „Warum denn immer ich?“-kläffenden  inneren Schweinehund. Das Feuer brennt nur solange, wie Sie Holz nachlegen!

Also verehrte Scheidungskandidaten, schüren Sie ordentlich ein daheim in der Kälte des Herbstes. Wenn alles nichts nützt und Ihr Gegenüber auf seinem kindlichen Egoismus besteht, so nutzen Sie wenigstens weise die reinigende Kraft des Feuers mitten im Wohnzimmer.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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