Wie ich ein Sofa kaufen ging

Meine lieben Leser,
nach erfolgreicher Wiederkehr präsentiere ich Ihnen heute einen besonderen on the road-movie. Meine Nachbarin hat ihn mir erzählt und ich bin erfreut, zum zweijährigen Jubiläum des Ganzen eine Körbsche Zusammenfassung geben zu dürfen.

Auch als Mitglied der oberen Unterschicht hat man manchmal das Bedürfnis, etwas zur Verschönerung seines Wohnraumes zu tun und so ging meine Nachbarin, ein neues Sofa zu kaufen. Nach einiger Überlegung entschloss sie sich, zum Möbelhaus ihrer Jugend zu fahren. IKEA. Paradies der unendlichen Möglichkeiten zum einigermaßen erschwinglichen Preis und einen Transport wollte sie sich diesmal auch leisten. Selbst ein in Kleinstteile zerlegtes IKEA-Sofa passt nun mal nicht in einen Ford Focus. Also schnappte sie sich ihren Mann, sperrte die Kinder ins Kinderparadies und sie taten so, wie sie schon immer bei IKEA getan haben. Schnurstracks liefen sie in die  Sitzmöbelabteilung, fanden auch gleich das Sofa mit dem unaussprechlichen Namen, welches sie sich schon vorab im Katalog ausgesucht hatten und wollten es nun kaufen. Ja. Wo war aber jetzt so ein Mensch in Blau-gelb, der ihnen den entsprechenden Schein für ihr neues Sofa ausdrucken würde? Ach da, die Dame hatte sich nur unter ihrem Tresen versteckt, es war auch noch ziemlich früh an diesem 10.10.2011. Wir waren ja alle mal jung. Die Dame, die sich dann als Eva B auf dem Mitnahme-Warenausg.-Ausdruck vorstellte, sagte zuerst einmal recht freundlich, dass es das Bettsofa schon mal gar nicht wie gewünscht und im Katalog dargestellt gäbe. In ihrer Ratlosigkeit alleingelassen, beschlossen meine Nachbarn kurzerhand, eben ein anderes zu nehmen, waren sie doch für ihr Alter noch recht flexibel.

Zufrieden und glücklich trugen sie ihren Mitnahme-Warenausg.-Ausdruck zu einer der Kassen, wo ihnen dann stolze 948,00 Euro vom Konto abgebucht wurden. Immer noch zufrieden begaben sie sich zur Warenausgabe, wo drei blau-gelbe Wichtel geschäftig eilten und nach circa 20 Minuten zwei Wagen mit drei großen Kartons, griesgrämig nach der Nummer 996 bellend in den Gang schoben. Da war es also, das neue Sofa meiner Nachbarn. Beide waren immer noch stolze Sofabesitzer, wenn auch nicht mehr ganz so zufrieden. Sie schoben also die beiden Wagen fünf Meter nach links, um den Heimtransport in Auftrag zu geben. Ein ebenfalls scheinbar unausgeschlafener Benjamin S nahm ihre Daten in Empfang und schon am Freitag der gleichen Woche sollte das Sofa bei ihnen im Wohnzimmer stehen. Das kostete sie nur glatte 109 Euro extra. Meine Nachbarin schluckte und schon waren sie und ihr Mann wieder stolz und zufrieden. Als sie dann die Kinder abholten, die sich derweil im Kinderparadies zu Tode gelangweilt hatten, waren auch die wieder zufrieden. Rundum glücklich fuhren sie alle nach Hause.

Und es wurde Freitag.
 Gegen 10 Uhr morgens klingelte bei meiner Nachbarin das Telefon:
„Ja bitte?“
„Hallo, hier is Alex. Bin isch IKEA. Wegen der Sofa. Sag isch gleich, is kaputt. Würde isch nisch nehmen.“
„Wie bitte?“
„Wegen die Sofa, is kaputt.“
„Wie? Ich will doch kein kaputtes Sofa!“
„Weißt du, komm isch und dann kuckst du selber.“
„Ja nee- ich…“
Und da hatte der Alex auch schon wieder aufgelegt.
Meine Nachbarin dachte: ‚Da rufe ich doch lieber gleich mal bei IKEA an.’ Alle, die dies schon einmal versucht haben, wissen, dass die ungefähre Durchschnittszeit für das Martyrium mit dem elektronischen Sprachwahlsystem der absoluten Möglichkeiten zehn Minuten beträgt. Und meine Nachbarin wählte die Nummer vom Kassen-Service-Zettel, sprach sich tapfer durch alle Eingabenummern und Daten und wurde dann mit einer echten Frauenstimme verbunden. Meine Nachbarin zitierte Alex sinngemäß und die freundliche Dame sagte, dass man den Umtausch des defekten Sofas ganz bequem von zu Hause aus folgendermaßen machen könne: meine Nachbarn kriegen ein ganzes Sofa geliefert und die von IKEA nehmen einfach das kaputte mit. Die ungläubige Rückfrage, ob es wirklich so einfach sei, dass einfach das ganze Sofa einfach zu Hause einfach umgetauscht werden würde, bejahte die freundliche Frau und meine Nachbarin legte erleichtert auf und wartete auf Alex.

15 Minuten später war er dann da. Da meine Nachbarin von haus aus sehr nett ist und ihm einen unnützen Weg in den zweiten Stock Altbau ersparen wollte, wartete sie unten. Der Laster kam, parkte und fünf Minuten geschah erst einmal gar nichts. Dann ging die Tür auf und Alex sprang heraus. Er donnerte die Ladeklappe auf, schwang sich kühn in den Frachtraum und zeigte auf ein Paket: „Kuckst du, da is kaputt.“ Und meine Nachbarin kuckte nicht schlecht. Da war doch tatsächlich eine Stablergabel oder so etwas in den Karton gefahren und hatte das arme Sofa bis auf das Holz durchbohrt. Die anderen beiden Kartons sahen ähnlich malträtiert aus und wo das kleine Schächtelchen mit dem Überzug geblieben war, wagte sie gar nicht zu fragen. Da stand sie nun. Nicht mehr stolz und nicht mehr zufrieden und Alex sagte: „Sieht sich alle so aus, is geflogen wahrscheinlich. IKEA is scheise. War ich schon woanders, da is besser.“ Danke Alex. Als meine Nachbarin ihm sagte, dass die freundliche Dame eben am Telefon was von einem Umtausch zu Hause gesagt hatte, zückte er sein Handy und rief selbst bei IKEA an. Und er hatte eine Zaubernummer! Sofort wurde er mit einer echten Stimme verbunden. Diese Stimme war nicht so freundlich. Alex hatte das Telefon zum Mithören laut gestellt. ‚Welch Glück,’, dachte meine Nachbarin in diesem Moment, ‚dass ich zur oberen Unterschicht gehöre! Wir Unterschichtler halten im Härtefall eben doch zusammen.’ Die nichtfreundliche Stimme wollte dann direkt mit ihr sprechen, um ihr zu erklären, dass das Sofa doch jetzt erst einmal bei ihr aufgebaut werden würde und dann ein Gutachter käme und ein Reparateur, der den Schaden dann vor Ort flicken würde.
„Beste Stimme“, entgegnete meine Nachbarin, „ich möchte kein von vornherein getötetes, irreparables Sofa haben, ich habe ein ganzes Sofa gekauft und ich möchte ein komplett ganzes Sofa in meinem Wohnzimmer haben!“
„Ja aber“, widersprach die Stimme, „sie können doch jetzt nicht so lange ohne Sofa sein u-“
„Das lassen sie mal meine Sorge sein, ich möchte definitiv kein zerfleddertes Sofa haben!“
„Welche Kartons sind denn überhaupt defekt?“
„Ja alle!“
„Jaaaa. Dann machen wir jetzt Folgendes:“, sagte die Stimme, „das Sofa wird jetzt erst einmal aufgebaut.“
„Ich will aber nicht so ein Sofa!“
„Aber vielleicht ist der Schaden ja-“
„Nein! Ich möchte ein ganzes Sofa!!!“
Darauf griff sich Alex das Handy und unterbrach diesen überaus konstruktiven Dialog: „Ey muss isch weiter, was is jetzt?“
 Die Stimme schnarrte: „Ja dann schreibst du jetzt erstmal „Kundin hat Annahme verweigert“ und…“ da drehte sich Alex weg und meine Nachbarin hörte nichts mehr. Flink schloss er die Ladeklappen und auf ihre etwas panische Frage, was denn jetzt mit ihrem Sofa sei, antwortete er nur: „Rufst du IKEA!“ und dann sah sie nichts mehr.

War Alex jetzt doch nicht auf ihrer Seite? War er vielleicht ein getarnter islamistischer Terrorist, der arglosen Sofas den Garaus macht, um das westliche Einrichtungssystem aus der Unterschicht heraus zu zerstören? Und die wichtigste Frage überhaupt: warum sollte meine Nachbarin in unserer Straße stehen und laut IKEA rufen? Lesen Sie nächste Woche die Antworten auf diese und noch viele andere Fragen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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