Wie ich ein Sofa suchen ging

Was bisher geschah:
Meine Nachbarin hatte sich ein neues Sofa gekauft, welches nach einigem Theater von Alex dem Terroristen vollkommen zerstört ausgeliefert wurde. Nach vehementer Annahmeverweigerung ließ Alex meine Nachbarin mit vielen Fragen sofalos und völlig vereinsamt auf dem Gehsteig stehen.

Etwas verfroren kehrte meine Nachbarin in ihre Wohnung zurück, schließlich war Oktober und sie hatte nicht mit einer halbstündigen Diskussion gerechnet. Oben angekommen, setzte sie sich sofort ans Telefon und begann ihre Odyssee durch das Computerleitsystem des IKEA-Service-Centers. Nach zehn Minuten hatte sie sich durch MH, KA, ID, Bon-nummer und weitere Daten ihres Einkaufs gesprochen. Dann hätte eigentlich die freundliche IKEA-Stimme folgen sollen. Aber es kam nur eine Bandansage: „Alle unsere Mitarbeiter befinden sich gerade im Gespräch, wir verbinden sie jetzt wieder ins Hauptmenü.“ – Nein! Gerade war da doch noch jemand da! Also noch einmal vom Hauptmenü aus durch alle MHs, KAs, IDs, Bon-nummern und Daten hin zu: „Alle unsere Mitarbeiter befinden sich gerade im Gespräch wir verbinden sie jetzt wieder ins Hauptmenü.“.

Aus heutiger Sicht war natürlich ganz klar niemand mehr da, denn freitags ab eins – jeder macht seins. Und wenn es auch erst kurz vor elf war, da wollen wir mal nicht kleinlich sein. Damals war meine Nachbarin nicht nur nicht kleinlich, sondern sehr aufgebracht, so dass sie ihre beiden Jungs ins Auto packte und sagte: „Wir fahren jetzt zu IKEA und dann könnt ihr mal erleben, wie Mama so richtig sauer werden kann!“. Darauf erstrahlten vier Kinderaugen und als die Mama dann noch sagte: „Und wenn ich euch auf den Fuß trete, dann dürft ihr schreien, dass die ganze IKEA wackelt!“, da brach im Auto ein Freudengeheul aus, als wäre soeben die Vorverlegung von Weihnachten verkündet worden.

Und da war er, der Tempel des Wahnsinns, in Blau-gelb. Mit Wagners Wallküren ritt meine Nachbarsfamilie auf dem Parkplatz ein und stand eine Minute später vor dem Tresen der Speditionsfirma. Hier hatte Jeanine oder Jaqueline, oder wie immer sie geheißen haben mag, Dienst und betrachtete gelangweilt ihre im Nagelstudio kunstvoll aufgedonnerten Fingernägel. Meine Nachbarin knallte ihr den Serviceauftrag auf den Tisch, gab ihr die Kurzfassung der missglückten Lieferung und stellte die freundliche Frage: „Was ist jetzt mit meinem Sofa?“
Jeanine-Jaqueline drehte ihren Kopf majestätisch zur Seite und antwortete:
„Heute nix mehr. Das geht jetzt erstmal wieder ins Lager.“
„Also hierher?“
„Nee, ins Lager der Spedition. Und von da aus kommt es dann wieder hierher.“
Und schon war sie wieder mit ihren Nägeln beschäftigt. Der Nachbarsbub schaute seine Mama erwartungsvoll an, wann sie ihm denn jetzt endlich auf den Fuß treten würde. Doch sie zischte durch die zusammengebissenen Zähne: „Und wann krieg ich dann mein Sofa?“ Daraufhin gab J.-J. (gesprochen: tschäj tschäj) ihre wahre Herkunft preis: „Dann müssmer hald an Dermin ausmachn.“
 Sie einigten sich auf den Freitag der nächsten Woche 7-14 Uhr und darauf, dass meine Nachbarin dann ein ganzes Sofa haben würde. Zur Sicherheit ließ sie sich diesmal die Telefonnummer der Spedition geben.

Und es wurde wieder Freitag.
Es wurde 10 Uhr.
Es wurde 11 Uhr.
Es wurde 12 Uhr.
Und es wurde 13 Uhr und 14 Uhr.
Kein Anruf, kein Alex, kein Sofa.
Darauf rief meine Nachbarin um 14.15 Uhr bei der Spedition* an, wo sie nur freundlich angeblafft wurde, es gäbe gar keinen Lieferauftrag für sie für heute – zack, aufgelegt.
Nun war sie aber für alles bereit!  „Kamikazemutter sprengt IKEA in die Luft“ – man konnte die frische Druckfarbe der morgigen Schlagzeile schon riechen.
Wieder packte sie die Kinder ins Auto, diesmal alle drei und gab ihnen das heilige Versprechen, dass sie heute aber wirklich schreien dürften, denn heute würde die Mutti nicht mehr zischen, sondern überkochen! Wie die Armee der Gerechten marschierten sie im Servicecenter Umtausch und Reklamation ein und – oh. Wie funktionierte das jetzt hier? Ach. Nummer ziehen und warten. Und auf eines der dämlichen IKEA- Sofas setzen? Niemals! Also stand meine Nachbarin. 20 Minuten. Dann wurde ihre Nummer angezeigt, Schalter 5, bei Herrn 326MWIR.

Dieser Mensch hatte ein unsagbares Phlegma. Das vor Wut kochendes Gesicht meiner Nachbarin brachte ihn keineswegs aus der Ruhe, auch nicht ihre Aussage, dass sie jetzt die Nase voll hätte und vom Kauf dieses Sofas Abstand nehmen würde und ihr Geld zurückfordere. Herr 326MWIR konnte ihr auch keinen Vorgesetzten oder Geschäftsführer rufen, sondern nahm nur stoisch den Vorgang ihres Sofas auf. „Das ist aber sonderbar.“, sagte er manchmal. Dann verschwand er kurz zum Speditionsschalter, an dem Benjamin S heute wieder Dienst hatte und sich unter dem bösen Blick meiner Nachbarin wand. Herr 326MWIR kehrte zurück, telefonierte und verschwand wieder. Dann kehrte er zurück, telefonierte und sagte zu ihr: „So. Wir müssen das Sofa jetzt erst einmal finden und dann erhalten sie ihr Geld zurücküberwiesen.“ „Ach.“, entgegnete sie, „Und was mache ich, wenn das Geld nicht kommt? Wie kann ich mich versichern, dass das Geld auch wirklich kommt?“ – hatte ihr doch ihr Mann eingebläut: du gehst da nicht ohne das Geld raus! Das wusste Herr 326MWIR auch nicht. Nachdem sie sich eine Weile anschauten und er schulterzuckend sagte, es werde bestimmt nicht länger als zwei Wochen dauern, war für ihn der Fall erledigt und meine Nachbarin war wieder allein. Ohne Sofa, ohne Geld und mit einem maulenden Kind, was immer noch nicht schreien durfte. Dafür erlaubte sie ihm und seinem Bruder dann, in geschwisterlicher Eintracht auf den IKEA-Parkplatz zu pinkeln.

Nach eineinhalb Stunden wieder daheim, sagte mein Nachbar: „Dann machst du einfach die EC- Zahlung rückgängig.“ Als Freund von Bargeld kannte seine Frau sich mit den Tricks und Kniffen moderner elektronischer Bankgeschäfte nicht aus und war schwer verwundert, dass es nur eine von diesen TAN-Nummer brauchte und schon war der Sofabetrag nebst Speditionskosten auf ihr Konto zurückgebucht. Welch Wunder der modernen Technik! Am 11.10.2011 abgebucht, am 21.10.2011 rückgebucht und alle Computerstimmen und Servicecenters und Jeanine-Jaquelines und Herr 326MWIRs konnten sie mal gerne haben! Sie hatte zwar kein Sofa, aber dafür ihr Geld und ihre Ruhe.
Dachte sie.

Das und was dann wie immer anders kommt, lesen Sie nächste Woche.
Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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