Schutzpolizei

Eigentlich wollte ich ja Schneewittchen im neuen Heimatministerium hinter den sieben Bergen besuchen, aber schon hinter dem ersten Hügel sprangen sie mir entgegen. „Papiere – sind sie berechtig hier zu sein – wer sind sie überhaupt?“ „Ja wer sind sie denn überhaupt?“, gab ich zurück und verschränkte meine Arme demonstrativ vor der Brust. „ABSpUaFS.“ „Wer bitte?“ „Allgemeine Bayerische Schutzpolizei, Unterabteilung fränkischer Staatsschutz.“ „Aha. Und was schützen sie hier?“ „Die Heimat! Unser schönes fränkisches Bayernland.“ Ich blickte mich um. Eine ganz normale Stadtstraße lag faul im herbstlichen Hochnebel, umkränzt von zerstückelten Wohnblöcken, bei denen zusammengepasst wurde, was nicht zusammenpasst. So schielten neben einem weitläufigen Gründerzeithaus drei 50er-Jahre-Rattenlöcher stetig nach der Eleganz des Sandsteinbaus und maulten lautstark: na und? Bei uns geht dafür viel mehr rein!

Der fränkische Staatsschutz scharrte unruhig mit den Füßen. „Und aus welchem Grund belästigen sie jetzt mitten am Tag dahinziehende Mitglieder Ihres Volkes?“, fragte ich unverdrossen weiter. „Na na na, wir belästigen nicht. Wir sorgen für den reibungslosen Fluss der ziehenden Bürger und Zugereisten. Aber sie, sie sind fei zugereist, gell? Dann müssens in die gegenüberliegende Spur zu den Kollegen.“ Und schon schoben mich die Herren in Uniform über die Straße, die nicht wenig befahren war und hielten den nächsten Passanten an.

Auf der anderen Spur kam es zu einem Abfertigungsstau. Ein Herr im Anzug mit Businesszubehör diskutierte eifrig gestikulierend mit den gewohnt maulfaulen fränkischen Beamten. „Wat soll dat denn allet, ick muss doch bloß uff die andere Seite, ick hab da seit Jahren mein Büro Mensch! Ick hab keene Durchreisepapiere, ick hab’m Termin und wenn ick jetz nich sofoat meen Telefon und det Laptopp wiedakrick, ick schwör Ihnen, ick verklag Sie, dat sie bis ans Ende Ihrer Karriere zahln müssn, da könnense sich druff valassn!“ Der Beamte blickte in den heimatlichen Horizont und  knurrte in den Redeschwall des Preußens: „Des is Woschd.“ Dann warf er dessen Businessgeräte in einen mittelgroßen Container, der schon zur Hälfte gefüllt war. Ich näherte mich seinem Kollegen und fragte vorsichtig von der Seite: „Sagen sie, warum wird hier eigentlich kontrolliert?“ „Anweisung des Ministeriums.“ „Welches Ministerium?“ „Na des vom Söder.“ Also Schneewittchen persönlich hatte die Order erlassen, das schmeckte schwer nach Rache an der bösen Stiefmutter. „Und mit welcher Begründung?“ „Hä?“ „Na warum?“ „Ach so, na um die …“ – er zog einen Zettel aus der Rocktasche und begann verlangsamt zu lesen: „…zum Zwecke der Beseitigung der Defizite im ländlichen Raum wie Ärztemangel, fehlendes schnelles Internet und fehlende Verkehrswege. Wassd scho! Sie sannet zuvällich an Doggda?“ Und seine linke Hand klopfte an den Traktor mit Viehanhänger, durch dessen Belüftungsschlitze unzählige weiße Kittel und Stethoskope blitzten.

 

Mit den besten Wünschen für die nächste Woche
Ihre Frau Körb

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