Ei, ei, ei

Ich sitze hier am herrlich bewölkten Ostersonntag nichtsahnend auf einer Terrasse, genieße in Andacht die Stille, denke vielleicht gerade so, was denn nun wirklich an diesem Tag geschehen sein mag, so vor 2000 Jahren, da beginnt plötzlich ein ohrenbetäubendes Geläut. Sämtliche Glocken im Dorf und in denen der Umgebung und in überhaupt allen Kirchen des christlichen Abendlandes, vielleicht sogar im Morgenland stimmen ein Gelärm an, denn der Heiland – Halleluhuja. Mir fällt die Kaffeetasse aus der Hand. Nachbars Kinder, die sich bis gerade eben mit Holzscheiteln um die gefundenen Ostereier geschlagen haben, stehen wie Salzsäulen, die Hände noch zum Hieb erhoben. Mir brennt der heiße Kaffee auf dem Schenkel und ein „Gottverdammte Scheiße!“ entfleucht mir.

„Na das können Sie mal laut sagen!“, nuschelt eine Stimme aus der hintersten Gartenecke, die entfernt an einen intergalaktischen Furz erinnert. Ich reibe mein Bein und um die Terrassenecke biegt Herr Gott. Er schaut gar nicht gut aus. Wirklich nicht. Ich biete ihm eins von den Schokoeiern an, die ich den Kindern hinterm Zaun stibitzt habe – als reiner Akt der Nächstenliebe versteht sich! So haben sie weniger Streitobjekte und eine größere Chance, Ostern ohne schlimmere Platzwunden zu überstehen. Herr Gott winkt ab, lässt sich neben mir auf die Bank fallen und schnauft. Blass ist er. Augenringe hat er. Die Haare sind genauso wirr, wie sein Blick und eine Fahne hat der Mann, ei ei ei.

„Um Himmels Willen, was ist denn mit Ihnen geschehen?“, schreie ich gegen das fortwährende Geläut an. Herr Gott schnauft nur. Ich schenke ihm Kaffee ein und endlich hört dieser schreckliche Lärm auf. „Nächstenliebe.“, brummt er neben mir und schlürft den pechschwarzen Muntermacher. „Reine Nächstenliebe. Bin ich froh, dass diese Fastenzeit vorüber ist! Meinen Sie, es ist ein Leichtes, all die ganzen ird’schen Luxusgüter wie Schokolade, Fleisch, Wein, Schnaps, Bier zu vernichten? Und der ganze Likör erst!“ Er reibt sich seine Schläfen. „ Haben Sie etwa das ganze Zeug verbrannt?“, frage ich erschrocken. Eine göttliche Müllverbrennungsanlage würde erklären, warum es in den letzten Wochen einen derart unmöglichen Wetterwechsel gegeben hat. „Na ja, irgendwie schon. Tag und Nacht habe ich geschuftet. Ich habe gefressen und gesoffen und können Sie sich vorstellen, wie schlecht mir ist?“ Die Gesichtsfarbe von Herrn Gott wechselt zwischen aschfahl und grüngelb. „Und jetzt auch noch dieses Gebimmel und Gejaule von wegen „Preiset den Herrn!“ – da scheiß ich doch drauf!“ Ich schaue ihn entsetzt an. „Na ist doch wahr! Sagen Sie Frau Körb, Sie haben doch immer eine Idee. Können Sie nicht irgendwas machen, damit diese zwanghafte Verweigerung von Nahrungsmitteln in Gesellschaft aufhört? Mein Magen… Mein Kopf!“ Ich gehe ins Haus, hole ein Aspirin und eine Tüte gefrorene Erbsen gegen den Kopfschmerz, ein heißes Kirschkernkissen gegen das flaue Gefühl im Magen und drücke es Herrn Gott auf die entsprechenden Körperteile. Dann sitzen wir schweigend nebeneinander und ich überlege.

Mittlerweile schnarcht Herr Gott neben mir auf der Bank in der Sonne, die durch die Wolken bricht und ich rufe Sie meine lieben Leser wieder einmal auf, aktiv an der Verbesserung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens teilzunehmen. Wir sind jeder Einzelne der Stein in der Gesellschaft, welcher den Strom verändern kann. Alle gemeinsam bilden wir einen Damm und können uns die Gemeinschaft so bauen, wie wir wollen. In Anbetracht der Tatsache, dass auch Herr Gott nicht jünger wird, müssen wir alle bereit sein, Opfer zu bringen. Fasten Sie also wann und wo immer Sie es für richtig halten, nur niemals mehr als zehn Personen gleichzeitig. Das Jahr hat 52 Wochen, da dürfte für jeden Fastenwilligen etwas dabei sein. Schließlich wird der Glaube dadurch nicht gefestigt, im Gegenteil! Irgendwann kollabiert auch ein göttliches Herz-Kreislauf-System.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

 

P.S. Die „Wintermütter“ sind Thema im aktuellen SPIEGEL und ich finde es beruhigend, dass dieses qualitativ hochwertige Medium mir in Teilen Recht gibt, auch wenn die Quintessenz von der Schuld der Gesellschaft an der Spätelternschaft dem kleinkindlichen „Da kann ich doch nix für, aber die anderen!“ gleicht und recht dürftig ist. Wir leiten diese Gesellschaft, wir sind diese Gesellschaft – also aufgewacht und mitgemacht! Huppi huppi, wie meine Nachbarin jetzt sagen würde.

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