Nackt unter Wölfen

Meine lieben Leser, die heutige Ausgabe ist ob ihrer Länge ausgedruckt im Lehnstuhl am Kaminfeuer am besten zu genießen. Ich werde mein Möglichstes tun, um sie in Bälde hörbar zu machen. Bis dahin bitte ich Sie, sich ein wenig Zeit zu nehmen.

Von vielen Seiten wurde mir nahegelegt, zum sozialen Netzwerk Nummer Eins zu gehen. Das würde mir meinen Leserkreis ungeahnt erweitern. Nach langem Zögern beschloss ich also, es bei Facebook zu versuchen. Beim Hochfahren der Seite umwehte ein kalter Wind meinen Schreibtisch. Er raschelte durch die Papiere und fuhr mir in die Nase. „Registrieren; Facebook ist und bleibt kostenlos.“ erschien auf dem Bildschirm. Ich begann erst einmal, das Kleingedruckte zu lesen. Der Wind wirbelte die bewusste Schwammigkeit der Formulierungen durcheinander. „Brauchst du nicht, alles Rechtsblabla!“, wisperte er. Soviel hatte ich aber verstanden, dass ich meinen vollen Namen angeben und meine Identität offenlegen sollte. Der Wind an meinem Schreibtisch zerrte an meinen Haaren. ‚Das Eine nicht ohne das Andere!’, flüsterte er. Ich schluckte schwer. Wenn denn jeder mein wahres Ich nun kennen würde, so wäre es mir unmöglich, weiterhin ungestört zu beobachten und Zustände in ihren wahren Ausmaßen zu beschreiben. Jeder würde doch sofort schauspielern, um einen guten Platz in der Frau-Körb-Show zu kriegen!

Zu meinem Glück fiel mir ein, dass ich noch einen Zweitnamen hatte, unter dem mich keiner erkennt. Also gab ich diesen in das entsprechende Feld ein. E-mail-Adresse oder Telefonnummer? E-mail-Adresse natürlich, fraukoerb@web.de. Geburtstag. Der kalte Wind riss mir die Socken von den Füßen. Sie verschwanden im Computer wie in einem großen Staubsauger. Mein Geburtstag geht doch keinen etwas an! Noch nicht einmal mich selbst. Freundlicherweise standen meine Zweifel ausformuliert daneben: Warum muss ich meinen Geburtstag angeben? Damit Facebook mich mit altersentsprechendem Input füttern kann. Nun also, ich bin aber doch mit meinen 108 Jahren bereits selbst in der Lage – ich fror an den Füßen. Aber ohne Geburtstag keine Registrierung und somit auch keine breite Öffentlichkeit. Widerwillig versuchte ich, Zahlen und Buchstaben einzutippen. Unmöglich. Ich musste mit den Fingern über das Mausfeld meines Computers wischen, wie ein Epileptiker mit einem fokalen motorischen Anfall.

Ich bestätigte das Geburtsjahr. Es folgte ein turbinenartiges Geräusch und plötzlich saß ich mit blankem Hinterteil auf meinem Lederstuhl. Verschwunden waren Rock und Unterhose in den unendlichen virtuellen Weiten. Mir schmeckte das Ganze immer weniger. Außerdem klebte ich auf dem Leder fest. Aber ich war registriert. Dachte ich. Es öffnete sich ein Fenster mit einem romantischen Rosengarten und einem kleinen schwarzen Hund, der fröhlich um das nette Häuschen mit den putzigen Fensterläden tollte und sich bei dem Pony im Hintergrund zärtlich in den Hinterlauf verbiss. Dann wurde ich mit einem virtuellen Bussi links – Bussi rechts von Facebook begrüßt und überfreundlich darauf hingewiesen, dass ich schon fast beinahe ganz fertig wäre mit der Registrierung, ich bräuchte nur noch meine Telefonnummer einzugeben.

Mit einem lauten „Fflpp“ verschwanden Bluse und BH in meinem Bildschirm. Nackig saß ich nun davor. Das kleine Kameraauge blinzelte grün auf und schaute sich dann neugierig bei mir um. Jetzt hatte ich aber genug! Mühsam fand ich versteckt im Rosengarten die Möglichkeit, mein Konto bei Facebook zu löschen. Währenddessen regnete es schon E-mails, die meinen ganzen Briefkasten durchweichten.

Ja, ich wollte wirklich dieses Konto definitiv und ganz schnell löschen! „Dafür brauchen wir nur noch Deine Telefonnummer!“, bellte der kleine schwarze Hund, der jetzt gar nicht mehr so klein war und leckte sich seine blutigen Lefzen. Ich gab noch verzweifelt einen mir zugesandten Code ein, was mir einbrachte, dass das Gras im Rosengarten zu einer breiigen Masse wurde. Wie weicher Käse quoll es an die andere Seite des Bildschirmes. Verschwunden war das nette Häuschen, das Pony tot und der Hund tobte mit irrem Blick und zerzaustem Fell durch die sich auflösende Matrix. „Du kommst hier nicht weg! Gib mir Deine Handynummer!“ Schaum spritzte gegen die Scheibe, die uns trennte. Mit zitternden Händen gab ich ihm das Verlangte.

Es tat einen Schlag. Unter meinem Schreibtisch liegend sah ich noch, wie mein Lederstuhl in der zähen Käsemasse unterging. Dann wurde der Bildschirm schwarz und begann, bedrohlich zu wackeln. Das Kameraauge war jetzt rot und fixierte mich. Ich kroch eilig unter dem Tisch hervor. Plötzlich klappte der Computer zusammen wie ein Laptop und begann, wütend bellend nach meinen Fesseln zu schnappen. Das Handy gab Meldung, eine SMS erhalten zu haben. „Von Facebook-ok-ok-ok!“, kläffte es heiser. Auch sein Bildschirm war jetzt schwarz. Zu meinem Glück habe ich ein solches, mit dem man nur telefonieren kann. „Mitteilung nicht darstellbar!“, jaulte es und vibrierte auf mich zu. Ich wich zurück und stand schließlich mit bloßem Hinterteil an der Wand. „Himmel Herr Gott!“, schrie ich verzweifelt und kreuzte meine Zeigefinger. „Weiche Facebook, weiche!“ In der Not scheißt sich auch der Teufel auf Fliegen nichts.

Wie vom Blitz getroffen krachten Handy und Computer auf den Boden. Brüllende Stille erfüllte den Raum und es stank nach verschmortem Käse. Ich fiel auf die Knie vor dem Donner, der nun folgte. „Frau Körb, Frau Körb, Frau Körb!“, sagte Herr Gott in altbewährter Manier. „Was machen Sie denn schon wieder! 2, 4, klein n, 7, 9, groß a, klein i, 0!“ herrschte er den Computer an. Dieser marschierte brav an seinen Platz zurück. Innerhalb weniger Sekunden gab es eine Meldung von Facebook, dass mein Konto in den nächsten zwei Wochen gelöscht werden würde. Sofort befanden sich mein Lederstuhl, Bluse, Rock und Unterwäsche wieder an ihren angestammten Plätzen. Nur die Socken blieben verschwunden. Herr Gott reichte mir seinen Flachmann und nach einigen Schlucken Gottes Fusel war mir wohler und ich hatte auch keine kalten Füße mehr. „Gott sei Dank!“, entfuhr es mir. „Is scho recht.“, gab er grinsend zurück. „Aber das mit dem religiösen Symbolschnickschnack-“, er kreuzte die Zeigefinger und zog ein pathetisches Gesicht, „das lassen Sie lieber.“ Wie gesagt, der Teufel und die Fliegen.

Meine lieben Leser, dieser Ausflug in die virtuelle Masse hat mir genügt, um beim Altbewährten zu bleiben. Ich werde weiterhin manuell an der Verbreitung der Inhalte von „Frau Körb“ arbeiten. Sie sind herzlich eingeladen, mich zu unterstützen, denn Gemeinschaft geht uns alle an! Fordern Sie kostenlos Handzettel an unter fraukoerb@web.de oder empfehlen Sie mich Ihrem Umfeld. Und wenn Sie bei Facebook sind, schmeißen Sie Ihre 500 virtuellen Freunde über Bord, ziehen Sie sich an und begegnen Sie Ihren Nachbarn in Wirklichkeit! Vielleicht sind ja die nette, rassige Blondine mit den langen Beinen und Körbchengröße C und der Beau mit den von einem Schlafzimmerblick verhangenen, stahlblauen Augen, den schönen Händen und dem Waschbrettbauch noch ohne Unterwäsche unterwegs.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

 

Danksagung: An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass „wordpress“ ganz und gar ohne Wölfe arbeitet und trotzdem Menschen verbindet, wofür ich den Damen und Herren Zur-Verfügung-Steller sehr dankbar bin. Auch muss ich mich hier nicht zwangsentkleiden lassen und genieße jede Freiheit, die in einer Gemeinschaft möglich ist.

2 Kommentare zu “Nackt unter Wölfen

  1. Pingback: Kurzmeldungen | Frau Körb

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