Verspätung

Die letzte Frau Körb am Sonntag erscheint aus erfindlichen Gründen heute erst am Dienstag. Da ich mich gerade im positiven Denken übe, formuliere ich diese Aussage um zu einem vorwärtsgewandten „Die letzte Frau Körb am Sonntag erscheint aus erfindlichen Gründen heute schon am Dienstag!“. Und Sie müssen mir recht geben, das hört sich doch gleich viel besser an! Besonders dieses Ausrufezeichen am Ende hat so etwas Frisches, so wie ein Kälbchen auf der Wiese, welches vom Hafer gestochen in Bocksprüngen bis zum elektrischen Weidezaun kommt. Um dann dort quietschend zu Boden zu gehen. Der Bauer, der kleine Schelm hatte die Voltzahl hochgedreht, um den Sonntagsausflüglern, den Blöden gescheit eins auszuwischen.

Jetzt fragen Sie natürlich berechtigt nach den erfindlichen Gründen für meine Verspätung. Eingekesselt von Emanzinnen aus der Gefolgschaft der Frau A.A., welche verspätet aber nicht weniger heftig auf meine Kritik reagierte, sah ich mich zur Flucht genötigt und verschanzte mich hinter eben jenem Starkstromzaun im tiefsten fränkischen Hinterland. Dem Dauerregen trotzend, teilte ich mir den Unterstand mit gelangweilt kauenden Dorfkühen, deren Methanwolken zwar die Sinne benebelten, aber nicht wirklich zur Erwärmung beitrugen. ‚Elendiges Geschwafel vom Klimawandel!’, dachte ich mir noch und schon kam ein neues Übel auf mich zu. Das Knattern von schweren Motorrädern kündigte den Untergang der Zivilisation an. Alle Kühe zogen den Kopf ein, die Kälber wurden in die sichere Mitte genommen, der Ochse schubste mich eiskalt hinaus in den Regen – und dann kamen sie. Ich schlug ein großes Kreuz, als internationales Rufzeichen für die Sanitäter. Das Knattern der Motoren ließ die Luft erzittern. Sogar der Regen erstarrte und hing fest zwischen Himmel und Erde. Ich versuchte, auf der Wiese einen alten Apfelbaum zu imitieren. Vier schwere Maschinen donnerten auf den Parkplatz gegenüber. Vier schwere Kerle und eine leichte Kerlin stiegen breitbeinig und vor Muskelspannung strotzend ab. Alle gehörten zu den „Hells Angels“, Ortsgruppe Nürnberg. Das stand breit auf ihren Jackenrücken zu lesen. Auf den Kennzeichen stand eine ganz andere Geschichte geschrieben. Da war zum ersten der Peter aus N (ortsansässig), des weiteren der Klaus aus R (circa 120 km von Nürnberg entfernt), der Siggi mit der Gabi aus BA (70 km) und der Willi aus LAU (30 km). ‚Wenn die Vorhut schon aus dem ganzen bayerischen Raum kommt, wieviele Hundert sind dann erst die Haupttruppe…?’, dachte ich ganz leise und zog unwillkürlich meine kleinen Äpfelchen an mich heran.

Aber da kam nichts mehr. Nach zehn Minuten Schockstarre gab ich das Apfelbaumsein auf und stiefelte durch den schmatzenden Wiesengrund zum Elektrozaun vor. Die fünf bösartigen Motoradgangmitglieder, denen die Gemeingefährlichkeit vermutlich im Mitgliedsausweis geschrieben stand, hatten sich ein wenig ratlos zu einem Stehkreis versammelt. „Un, was machmer etzat?“ „Du ich find es ganz wichtig, dass du das angesprochen hast, Vorsitzender Klaus.“ „Ja genau, Schriftführer Willi.“ „Vielleicht sollten wir auch eine Abstimmung machen?“ „Des is fei ganz wichtig, Stellvertreter Peter!“ „Ich find es gut, das ihr euch so öffnen könnt, ihr beinharten Kerls ihr!“

Leider ging der Rest dieser konspirativen Unterhaltung im schallenden Gelächter der Dorfkühe unter. Ich für meinen Teil werde mich heute noch an den fränkischen Staatsschutz wenden, um eine Naturschutzplakette für die Hells Angels, Ortsgruppe Nürnberg zu beantragen. Und ich rufe Sie auf, meine verehrten Leser, unterstützen auch Sie vom Aussterben bedrohte Tier- und Vereinsarten! Schließlich geht der Schutz der Artenvielfalt in der bundeskriminologischen Welt uns alle an!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb