***on the road***

Ich sitze mit Nachbar R. an seinem Küchentisch. Plötzlich fängt er wild das Zucken an, schiebt mir das Telefon zu und nuschelt: „112!“ Eine Schrecksekunde später habe ich die magische Nummer gewählt – es wird mir immer komisch dabei, handelt es sich schließlich hierbei um blanken Ernst – es tutet am anderen Ende, dann spricht ein mechanischer Computerboy: „Dies ist der Notruf der Polizei und Feuerwehr, bitte legen Sie nicht auf!“ Stille.
Im nächsten Ernstfall werde ich mir schwer überlegen, ob ich nicht lieber den echten Ernst anrufe, der hört zwar schwer, bleibt aber am Apparat und kennt zumindest die Straße, die ich ihm nenne.

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Eine Kindsmutter neben mir, deren Zögling gerade in aller Seelenruhe meinen Plastiktiger mit Velourbeschichtung MADE IN CHINA genüsslich einspeichelt, fragt mich, ob ich das gut finde, dass das Kleine gerade alles in den Mund steckt, so für die Entwicklung und so. Ich frage zurück, ob sie es gut findet, dass das Kleine gerade eine Portion Nanoplastik in sich aufnimmt, wo es doch eh schon denkgemindert ist – schließlich wird die Intelligenz von den Müttern vererbt.

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Ich laufe migränegeplagt durch eine Unterführung. Wie immer genau dann folgt ein schreiendes Kind. Mit gezielten 150dB-Stößen scheint es das Echo der Unterführung testen zu wollen, oder vielleicht auch nur die Nerven seiner Erzeuger, die in aller Ruhe neben ihm telefonieren. Ich bleibe stehen und drehe mich abrupt um. „Tut dir was weh?“, frage ich den kleinen Schraz. „Hm, nö.“, gibt er zurück und setzt zu einem neuen Schrei an. „Schau mal Kleiner, die Tante Körb hat hier zwei ganz nette Fäustchen, ein linkelchen und ein rechtelchen. Und wenn die sich in dein klitzekleines Pummelbäuchlein bohren, dann gibt das wirlich ganz schlimmes Aua – und dann, aber nur dann darfst du schreien. So laut du kannst.“ Der Schrei erstirbt, der Mund klappt zu, ich gebe ihm das Zeichen eines Schlüssels, der die Lippen verschließt, er nickt und alle gehen zufrieden ihrer Wege.
Man muss mit Kindern einfach nur reden, die verstehen schon Tacheles…

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Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb