Uralub

Als ich nun in meinem präoperativen Zimmer lag und überlegte, ob es wirklich sinnvoll sei, die Bremsen meines Autos ausbauen zu lassen, was mich ohne Versicherungsbeteiligung bestimmt dreitausend Euro mindestens kosten würde, noch dazu stünde es in Frage, ob ich in einer Eisernen Lunge überhaupt führerscheintauglich wäre, da schweifte mein Blick aus dem Fenster in einen strahlend blauen Himmel und ich dachte mir: ‚Frau Körb’, dachte ich mir, ‚Frau Körb, fahr doch lieber mal in den Urlaub, das hast du schon lange nicht mehr gemacht.’ Also schmiss ich dem Narkosearzt seine Zettel auf den Tisch, packte mein Hemdchen und verließ die Klinik.

Die Sonne schien gerade zauberhafte 25 Grad in die Stadt, die Nachbarn von schräg gegenüber zankten ordentlich ihren Frühlingsrausch aus und ich beschloss, ans Meer zu fahren. Da ist es immer noch viel wärmer mit einer Brise Salz in der Luft und die Fischlein, sie tanzen auf den Wellen umher, nun eigentlich unter, aber mir war fürwahr nach Poesie zumute. Also packte ich mein Hemdchen in einen Koffer, ein Brot noch dazu, setzte mich ins Auto und sauste los. Nach sieben Stunden stand ich dann am Meer. Es brauchte nur noch eine Fähre, um überzusetzen auf die Insel der Erholung. Aber die Leute am Meer hatten keine Lust. Sie hatten beschlossen, dass jetzt mal für drei Stunden Mittag sei. Und da saßen sie irgendwo in ihren Höhlen, berauschten sich an der Salzluft, tranken Schnaps und verlachten die Touristen, die blöd aufs blaue Meer starten und warteten. Da tanzten kein Fisch, kein Boot und auch keine Fähre. Nur ein eiskalter Wind um meine Nase. Also setzte ich mich kurzerhand in mein Auto, zeigte den Meeresbewohnern den Mittelfinger und fuhr davon. Nach neun Stunden stand ich wieder daheim vor der Tür, mein Nachbar schaute mich ungläubig an, ich sagte: „Pullover vergessen“, packte gleich noch eine Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe ein und da mein Nachbar gar zu sehnsüchtig schaute, saß er wenig später neben mir und wir fuhren in einen gemeinsamen Urlaub. Diesmal war ich auf alles vorbereitet. Dachte ich.

Nach fünf Stunden standen wir mitten im Gebirge, es schneite, ich streifte meine wohlig warmen Wintersachen über, grinste in meine Atemwölkchen und bewarf meinen Nachbarn mit circa zwei Kilogramm Schnee. Nachdem er mich freundlicherweise aus dem Fünf-Kilo-Revanche-Paket herausgeschaufelt hatte, begaben wir uns in eine transalpine Wärmestube, wo uns der Wirt Medizin gegen die Kälte verabreichte und die brannte ordentlich. Später zeigte er uns unsere Zimmer mit Betten, die sich vermutlich an heimischen Latschenkiefern orientierten, hatten sie doch eine gnomenhafte Größe von 1,70 Metern. Aber wenn ich meinen Schlafsack schräg hineinlegte, hatte ich bequem Platz. Am nächsten Morgen schien auch schon die Sonne, es zankten sich die Kinder der Nachbartouristen direkt unter meinem Fenster über die Schlittenbenutzungsreinfolge und über „Kein Bock ey“ und „Der hat aber“ – „Nein der“ – „Stimmt gar nicht“ – „Arschloch“ und ich dachte mir: ‚Na das ist ja wie daheim hurra.’. Nach dem Frühstück lieh ich mir einen echten Rodelschlitten und stieg auf die Piste.

Es gibt wirklich nichts Schöneres, als wie ein Kind den Hang hinunter zu sausen, in voller Fahrt den linken Fuß unter die Kufe zu bekommen, mit allem Gewicht darüber zu fahren, sich den Fuß nicht zu brechen, dafür aber am Ende auf einen Eisbuckel so hart aufzuschlagen, dass das Sitzen für die nächsten drei Tage problematisch wird. Für den zweiten Durchgang borgte ich mir dann die zwei zänkischen Kinder und schubste sie energisch den Berg hinunter. Der hyperventilierenden Mutter gab ich einen großen Schluck Medizin, die mir der Wirt der Wärmestube in meine Thermoskanne gefüllt hatte und dann stand sie mit geröteten Bäckchen ganz still und wartete geduldig lächelnd auf die Wiederkehr ihrer Kinder.

Mein Nachbar machte sich nicht soviel aus Laufen oder Landschaft. Ich stapfte also allein durch tiefen und nicht so tiefen Schnee, einmal trat ich auf die Frau vom Ötzi, die in einer Felsspalte klemmte – es war dann doch nur ein verendetes Gemschen, aber so mitten in der Wildnis, da verdrehen sich die Urinstinkte. Ich sah überall Tiere, potentielle Nahrung, wogegen mein Nachbar mit dem weiblichen Sitzfleisch der Hüterin eisern innen blieb und den berauschenden Getränken frönte. Wir trafen uns schon auch öfters in unserem gemeinsamen Urlaub, manchmal kamen wir bei Gesprächen sogar auf einen Nenner. Nach einiger Zeit aber hatte ich genug von Kälte und Schnee, zumal das ständige Rein und Raus Nässe in die Kleidung brachte, die sich stetig durch alle fünf Schichten bis auf die Knochen fraß und wenn ich etwas absolut nicht ertrage, so ist es Kälte. Mein Nachbar hatte vermutlich ob der vielen Medizin eine große innere Hitze entwickelt, die man riechen konnte und verstand mein Frieren nicht. Er wollte mir gern von seiner Wärme abgeben, was ich sofort dankend ablehnte. Er war doch mein Nachbar! Obwohl ich den Eindruck hatte, dass dieser Mensch da überhaupt nicht mein Nachbar sei. Sah er zwar so aus, so ähnelten seine Verhaltensweisen den mir bekannten in keinster Weise. Es konnte sein, dass er einen halben Tag in den fallenden Schnee starrte, gegen Nachmittag den Kopf wendete und fragte: „Was gibt’s zu essen?“. Oder er beschäftigte sich mit dem Öffnen und Entleeren zahlreicher Bierdosen, um dann irgendwann auf literarische Gedanken kommen zu wollen. Was das für welche sein sollten, war mir nicht ganz klar, aber Hemingway soll auch ein schweres Alkoholproblem gehabt haben.

Als ich dann zur Abreise blies, sagte mein Nachbar: „Was für ein schöner Urlaub!“. Das fand ich auch, als ich nach zwölf Stunden Fahrt endlich in meinem eigenen, großen, warmen Federbett lag, viele Stunden darüber geschlafen und mich ausführlich darüber ausgetauscht hatte, dass es eigentlich unmöglich ist, mit einem Mann in den Urlaub zu fahren. Und wenn ich mich jetzt so besinne auf alle engen und weniger engen Freunde, mit denen ich je ein Zelt, ein Auto, ein Zimmer, einen Strand, einen See oder auch nur eine Nacht geteilt habe, so hätte ich es wissen müssen: es gibt keinen Urlaub für Mann und Frau! Aus diesem Grund appelliere ich an unsere geschätzte Frau Arbeitsministerin von der Leyen, sich energischst für eine emanzipatorische Freizeitverbringung und eine Frauenquote auch im Urlaub einzusetzen!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb