Gedankencafé

„Frau Körb, Sie können sich das alles gar nicht vorstellen!“ Oh nein, Frau L. schob mich mit ihrem Einkaufswagen in den Gang der Tütensuppen. „Ich halte Sie doch nicht auf, oder?“, fragte sie. Zwischen ihrem Wagengitter und dem Regal von Maggis Knorr eingeklemmt, zuckte ich hilflos mit den Schultern. Und schon begann ihr Monolog. Heute hatte sie die verbale Halbautomatik dabei. „Das müssen Sie sich mal vorstellen! Sowas machen die mit uns, mit der Generation, die nach dem Krieg mit ihren eigenen Händen unser Land wiederaufgebaut hat. Mit uns können dies ja machen. Und die ganzen Ausländer, denen schieben sies vorn und hinten rein! Eine Unverschämtheit ist das, was die mit uns machen, mit uns, die wir mit unseren Händen …“

Unter Dauerfeuer zog mich etwas ins Regal hinter eine gelbe Wand. „Erlauben Gnä’ Frau, Sie erretten zu dürfen?“ Ein Herr aus dem vorigen Jahrhundert – nein, eigentlich aus dem vorvorigen – bot mir einen Platz an. „Gestatten? Knorr. Carl Heinrich Theodor Knorr.“ Ich sah mich um. Da waren Tische und Stühle und eine Theke und ein Kellner und mir gegenüber hatte Herr Knorr Platz genommen. Hinter der gelben Wandverkleidung hörte man dumpf die Kanonade der Frau L. „Willkommen im Gedankencafé!“, sagte Herr Knorr, „Die Kuchen sind heute ausgezeichnet.“ „Danke nein, ich also danke ja für die Hilfe!“, stotterte ich. „Also dann, zwei Kaffee. Und zwei Jubel.“, sagte Herr Knorr zum Kellner. „Nach solchem ist mir eigentlich nicht zumute,“, entgegnete ich, „es tut mir in der Seele leid, was da draußen passiert!“ „Na dann erst recht! Sie kennen doch den Jubelbrand vom Hammer? Ah, da kommets ja scho, zum Wohl die Dame!“, sprachs und schon hielt ich das Gläschen erhoben. „Auf Herrn L.!“ „Herr L.?“, fragte Herr Knorr. „Der bedauernswerte Gatte des dort tobenden Schlachtschiffes.“ Ich zeigte auf die gelbe Wand und rief laut: „Wie geht’s denn Ihrem Mann?“

„Ja darum geht’s doch!“ Der Beschuss kam jetzt genau von vorn. „Es ist eine Zumutung! Zustände sind das, wie im KZ! Sie wissen doch, jetzt ist er in dem Heim. Teuer und nichts als teuer. Nicht so teuer, wie das andere, aber nichts passiert da. Das mit den Tabletten kriegen die nicht hin. Gewickelt wird er alle sechs Stunden, ins Bett darf er nur zweimal am Tag und also nein. Ich sags Ihnen, mit uns …“

Der Kaffee wurde gebracht. Herr Knorr schaute mich fragend an. Ich hatte vergessen, dass es zu seiner Zeit weder KZs, noch Altenheime gegeben hatte. Ich erklärte: „Herr L. ist schwer krank. Seine Frau kann ihn allein zu Hause nicht pflegen und deswegen hat sie ihn in ein Heim gegeben. Das ist… vergleichbar mit dem Armenhaus zu Ihrer Zeit. Versorgung mit dem Nötigsten.“ „Aber die Kinder, was ist mit den Kindern? Und deren Pflicht, Vater und Mutter zu ehren?“ „Nun, in der Kinderzeit der L.s gab es einen großen, schweren Krieg und deswegen haben viele nach diesem Krieg nur ein einziges Kind großgezogen und alle Entbehrungen an dem Kinde doppelt und dreifach wieder eingeholt.“ „Ich verstehe nicht ganz.“, verstand Herr Knorr nicht ganz. Ich nippte an meinem Heißgetränk und hatte eine Schleife im Kopf: ‚Gedankenkaffee im Gedankencafé’.

Draußen krähte Frau L.: „Pflegedienste, Essen auf Rädern, Krankenhauspersonal, selbst die Putze – nichts machen die von allein, betrügen, wo es nur geht, da muss man aufpassen, ich sags Ihnen! Aber mit uns …“

„Die L.s haben es in der Nachkriegszeit zu Wohlstand gebracht,“, erklärte ich weiter, „das Haus der Eltern ausgebaut, eine Wohnung hinzugekauft, ein Kind großgezogen, aber alles mehr oder minder vom Munde abgespart.“ „Sie haben sich das Kind erspart?“, fragte Herr Knorr ungläubig. „Das Kind nach dem Krieg war Luxus und sollte diesen erleben. Der Staat galt als sicher und somit war die Aufgabe der Altersversorgung nicht mehr an den Kindern haftend.“ „Sie haben sich also einen … einen Mehlwurm herangezogen, der die eigenen Vorräte vernichtet?“ „So in etwa.“ Herr Knorr schüttelte den Kopf. „Wir hatten einst eine Mehlwurmplage, das war ein sehr schlechtes Jahr. Die Hälfte des ‚Bienenkorbs’ war vernichtet, ein Drittel verdorben.* Arg.“ „Der L.sche Mehlwurm hat das Haus bereits verlassen und nun gilt es scheints sein Erbe zu sichern. Anders kann ich es mir nicht erklären. Das letzte Hemd hat immer noch… “ „… koi Dasch.“, sagte Herr Knorr, „Und die Bastille da draußen ist nicht zu stürmen?“ Ich stand auf. „Nun, es kommt auf den Versuch an. Herzlichen Dank für den Kaffee!“ „Habe die Ehre, die Dame!“

„Frau Kö-hörb, Sie hörn mir ja gar nicht richtig zu!“ Unsanfte Stöße mit dem Gitterwagen holten mich zurück in den Supermarkt. Energisch packte ich den Wagen und zog ihn mit Frau L. auf Augenhöhe. „Wissen Sie was?“, sagte ich, „Sie sind eine ganz und gar unmögliche Person! In guten, wie in schlechten Zeiten heißt es und jetzt sind die schlechten Zeiten da und Sie können es sich leisten, dass Ihr Mann in Ruhe daheim sterben darf, Sie haben alle Mittel und Möglichkeiten dazu! Das, was Sie gerade machen, ist nichts weniger als Mord! Denn Ihren bald schon elendig verreckten Gatten, den werden SIE auf dem Gewissen haben, Sie allein und da können Sie noch so oft in Ihre Kirche rennen – niemand wird Ihnen Absolution erteilen, niemand!“ Ich kehrte auf dem Absatz um. „Sie, Sie – was erlauben Sie sich!“, japste Frau L. „Die Wahrheit, meine Gnädigste, und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe.“

Und natürlich – prompt kam das Kaninchen um die Ecke gehoppelt. Im Maul hielt es eine Rolle Erbswurst. Aus dem Regal winkte Herr Knorr und enthüllte ein Transparent: KRIEG DEN PALÄSTEN!* Ich drückte Frau L. die Instantsuppe in die Hand und sagte: „Hier, kann ich nur empfehlen. Und sparen können Sie auch und – da ist bestimmt kein Ausländer drin, ganz bestimmt.“

Meine lieben Leser, wenn auch Sie sich zur Wahrheit verpflichtet fühlen, kommen Sie vorbei im Gedankencafé, man weiß nie, wen man da so alles trifft.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

 

*Anm.: Politische Gesinnungen real existierender Persönlichkeiten, wie auch gewisse Lebensumstände sind frei erfunden.