Und der Donner ist weiß

Eigentlich mag ich keine Klischees. Mit ihren gesteiften Anzügen und starren Gesichtern blockieren sie nur allzu gern die Straßen in menschlichen Gehirnen. Als ich gestern mein Zimmer betrat, saß ein solches kleines Wesen an meinem Schreibtisch. Es wusste nicht viel zu sagen und entsprach sich damit vollkommen selbst. Auf meine Frage, ob es hungrig wäre, antwortete es: „Burger.“ „Ham oder Cheese?“ „Mack Donald.“ Auf meine Frage, ob es spielen wolle, antwortete es: „Playstation.“ „Hm. Lego?“ „Handy.“

Draußen grollte ein Gewitter. Das Klischee zuckte zusammen. „Weißt du,“, sagte es, „Donner ist weiß, ich weiß. Ich hab gesehen!“ Unruhig rutschte es auf seinem Stuhl hin und her. „Soll ich das Fenster zumachen? Der Donner ist ganz schön laut.“, fragte ich und schloss das Fenster. „Ja.“, antwortete das Klischee glücklich. Dabei fiel seine Maske zu Boden. Ein kleiner Junge zwinkerte mich nervös mit seinen großen, dunklen Augen an und es sprudelte stotternd aus ihm hervor. “Donner ist weiß und macht Haus kaputt. Und Menschen tot.“ Und er erzählte von Männern mit Pistolen im Flugzeug und einer langen Wanderung und Wasser. Viel Wasser. Aber keine Boote. Und dass er nicht mehr konnte. Da haben seine Mutter und er ausgeruht. Und die anderen haben nicht gewartet. Sind gegangen und gegangen und gegangen. Am Wasser. Wo die Haie sind. Und Walhaie essen Menschen.

Da krachte ein besonders naher Donnerschlag. „Donner ist weiß!“, flüsterte der Junge. „Nein!“, sagte ich. „Donner ist doof und draußen und kann uns gar nichts! Hier drinnen bist du ganz sicher, versprochen! Und das einzige, was hier weiß ist, ist Herr Gottchen.“ Ich zog das feige Kaninchen aus der Zimmerecke hervor und setzte es dem Jungen auf den Schoß. In die weißen Felllöffel knurrte ich: „Jetzt sehen Sie mal zu, wie Sie das wieder hinkriegen. Und wenn nicht, gibt’s Hasenbraten!“

Meine lieben Leser, eigentlich mag ich keine Klischees. Aber bis auf weiteres werden Ihre Stoßgebete nicht erhört werden. Bitten Sie also lieber Ihre Nachbarn um Lottogewinn, Gehaltserhöhung oder baldiges Stauende und kümmern Sie sich selbst um Ihre unerzogenen Familienmitglieder. Herr Gott hat anderes zu richten und darum werde ich ihn nicht beten!

Sprach’s und eilte in die Küche, die Messer zu schärfen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb