Angepasst

In diesen Tagen versammelt sich das Volk auf Grillfesten. Es duftet nach frischem Schweinenacken, nach Rostern, nach geröstetem Speck, alle sitzen fröhlich plaudernd und schmausend beieinander und dann kommt, was immer kommt: ein später Gast, an dessen Einladung sich keiner erinnern kann. Der Gast schreit noch das Gartentor in der Hand haltend: „Gibt’s da auch was ohne Fleisch? Weil ich bin doch vegan!“ Der Grillmeister zeigt achselzuckend auf die Wiese und bietet dem Rest sein erstes perfektes Kotelett zum Verzehr. Der Veganer schleicht sich dann, oder isst, was er essen mag, das heißt, er passt sich den Gegebenheiten seiner Umgebung an.  Und der Abend wird einer in trauter Gemeinschaft, wo jeder zufrieden nach Hause geht.

In der kalten Wirklichkeit unserer Gesellschaft gibt es leider wenig solch selbstständige Integration, obwohl sich unsere Gesellschaft die Integration groß auf ihre Fahnen schreibt und viel Geld dafür ausgibt. Integration heißt aber offenbar, bei den immer schreienden Extrawürsten sofort zu springen und das gewünschte Extra zu besorgen, da sonst sofort die Diskriminationspolizei gerufen wird.

Verglichen mit dem Grillfest wäre es ungefähr so: Sie laden ein und besorgen ausreichend gute Würste von Metzger. Dann spricht der Integrationsbeauftragte, was denn mit den Mohammedanern wäre, die sicherlich auch vom Grillgeruch angelockt werden und kein Schweinefleisch essen dürfen. Sie sagen: gut, besorg ich für die, die keine Wurst mögen halt Butterbrezen, auch die vom guten Bäcker. Und nun sind Sie aber ganz böse und unsozial, sagt da der Integrationsbeauftragte, das wäre ja gemein, wenn die, die zwar gar nicht eingeladen aber trotzdem erscheinen werden, nur eine Breze und keine Wurst kriegen und Sie sollen jetzt gefälligst Geflügelwurst besorgen, da reicht schon die aus dem Billigsupermarkt. Ihnen graut es aber schon beim Gedanken daran, sind doch abgepackte Billigwürste weit unter dem, was Sie nicht einmal ungeladenen Gästen anbieten würden. Nun mantelt sich der Integrationsbeauftragte dermaßen auf, dass Sie kurzerhand das Grillfest absagen und stattdessen eine große Packung Gummibärchen besorgen. Gummibärchen passen doch wirklich für jeden! Ja aber!!! – Und schon wieder haben Sie den Zeigefinger des Integrationsbeauftragten in der Nase stecken: die muslimischen Nachbarn, die dürfen doch nicht, weil da ist doch Schweinegelantine drin, da müssen Sie aber jetzt ganz schnell noch Kekse oder so besorgen! Sie schmeißen dem Beauftragten die Gummibärchen hin, treten ihm gehörig in sein Hinterteil und sagen ihm, dass er Sie mal sonst wo besuchen kann und dass Sie in dieser Nachbarschaft bestimmt nicht noch einmal ein Fest versuchen, worauf Sie als rassistisch uneingliederbar gebrandmarkt werden und frustriert nach Hause gehen.

Ich frage Sie, müssen wir uns wirklich allen Gepflogenheiten unserer multikulturellen Gesellschaft unterwerfen? Muss ich also jetzt dem orthodoxen Gläubigen, der mich keines Blickes würdigt, meinen Gruß ungehört verklingen lässt und mir auch noch die Tür an den Schädel knallt, muss ich diesem Mitbürger beipflichten, dass ich unwerte dreckige Hure es nicht anders verdient habe, als mit Ignoranz gestraft zu werden? Muss ich aus Rücksicht auf jeden Grünzeugfaschisten jetzt auch auf meinen Metzger schimpfen und sagen, ein Jutesack ist wärmer, als Urgroßmutters Zobel? Muss ich aus Rücksicht auf christliche Werte des neuen Testaments dem, der mir die Vorfahrt nimmt und meine linke Autotür zerbeult auch noch die rechte hinhalten?

Als ich darüber nachdenkend in meinen kühlen Hausflur ging, stand da ein größerer Brief auf der Treppenstufe und war vollgerotzt. Seit einige neue Nachbarn einer verfolgten Minderheit in unserem Haus wohnen, deren Besuch sich mit den Umgangsregeln im Allgemeinen wenig auszukennen scheint, glänzen regelmäßig ordentlich von hinten hochgezogene Schleimpflatschen auf den Treppen bis zu deren Wohnung. Der Brief war aber auch noch an mich adressiert! Ich beschloss, sofort Integration zu betreiben, läutete bei den Nachbarn Sturm und passte mich ganz an ihre Sitten an: die Tür ging auf und ich spuckte aus voller Kraft dem Nachbarn ins Gesicht! „Ihnen auch einen schönen Tag!“ wünschte ich zufrieden, als der in fremdländischen Jubeltiraden ausbrach.

Also meine lieben Leser, ich sage ‚ja’, passen wir uns den Sitten aller Extrawürste an und finden wir so zu einer wiederfunktionierenden Gesellschaft zurück! Nicht ohne Grund steht es im ersten Benimmbuch unserer Zeit beschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb