Werbung trifft

In England gehen junge Menschen auf Plakatwände los, nachdem sie Herrn Assange sehen durften, in unserem Land greifen Plakatwände seit Monaten schon junge Menschen mit rosa, grüner oder blauer Farbe an, die zugegeben einer Kontrolle der Bekleidungspolizei nicht wirklich standgehalten hätten. Sie wären zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert worden für unmögliches Auftreten im öffentlichen Raum unter Benutzung des eingetragenen Begriffes Mode. Aber diese jungen Menschen können doch nichts dafür, dass sie so hässlich sind. Sie bekommen auch nur einiges Geld dafür, ein wenig debil betroffen zu schauen. Als ich letzthin wieder das Vergnügen hatte, solch ein Plakat ob einer missglückten Ampelschaltung ganze zehn Minuten betrachten zu müssen, ging mir der tiefere Sinn dieser Kampagne auf und ich bin verblüfft, wie doch selbst der schnöde Kommerz seinen nützlichen Anteil an einer guten Gemeinschaft leisten kann.

Meine lieben Leser, ein jeder von Ihnen kennt bestimmte frustrierende Situationen, wo man verzweifelt nach einem Mittel der Entladung sucht. Natürlich kann man immer Mülltonnen, Hunde, Kinder, Lehrer oder Psychiater treten. Aber das ist doch keine Lösung im Sinne der Gemeinschaft! Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Friseur und haben nach zwei Stunden ein Gebilde auf dem Kopf, was mehr einem Papagei im Mixer ähnelt, denn einer Frisur. Und dann fragt sie auch noch die Friseusenazubine, obs denn gefällt, besonders hinten der kurze Nacken sei ihr ja außerordentlich gut gelungen! Meine Damen, was machen Sie genau in dem Moment, wenn Sie sich im Spiegel betrachten müssen?

Oder nehmen wir die derzeitigen unsinnigen Diskussionen aufgebrachter Nachbarn über Herrenwitz, Doktorarbeiten und Pferdefleisch in Billiglasagne. Hier kann doch das Pferd nichts für die Dummheit der Sparfüchse und man möchte schreien, der gemeine Mopp möge sich lieber um das Reinigen seines eigenen Dunstkreises bemühen und gelegentlich vielleicht einmal qualitativ hochwertiges Fleisch in der Metzgerei des Vertrauens kaufen und eigenhändig zubereiten! Einem zufriedenen Magen macht so ein Herrenwitz viel weniger aus – im Gegenteil, er kontert kokett und lässt den Herren verhungernd im Regen stehen. Und ob die Oberen jetzt mit Titeln oder Thesen schummeln, daran kann der aufgebrachte Nachbar nichts ändern. Aber hört Sie dieser wild gackernde Mensch überhaupt?

Oder noch ein anderes Beispiel: Sie stehen mit Ihrem Auto an einer Kreuzung gleichrangiger Straßen, rechts vor links, der Klassiker der Fahrschule. Von rechts kommt eine Dame – oder besser ein Auto mit Dame. Sie spricht beruhigende Worte auf das Lenkrad ein und der Wagen hoppelt wie ein kleines Osterhäschen auf die Kreuzung zu. Sie bleiben in Ihrem Auto in einem gewissen Sicherheitsabstand stehen und gewähren rechts vor links. Das Häschen der Dame hält an. Die Dame schaut verdutzt erst auf das Auto, dann auf die Kreuzung, dann auf Sie. Sie lächeln sie aufmunternd an, schließlich sind auch Sie schon Fahranfänger gewesen. Die Dame lächelt zurück und bleibt stehen. Sie schauen durchdringender, die Dame windet sich unter Ihrem Blick, aber das Häschenauto bewegt sich nicht. Schließlich löst sie sich aus der Schockstarre und winkt Ihnen zu, sie mögen doch fahren. ‚Rechts vor links!’, signalisieren Sie ihr, mittlerweile ein wenig ungehalten, schließlich stehen Sie schon schlappe fünf Minuten an dieser Kreuzung. Sie sind gefangen in dieser Situation, denn immer, wenn Sie losfahren wollen, hüpft das Osterhäschen auf Sie zu und Sie bleiben lieber stehen, sorgen Sie sich doch um den Zustand Ihrer rechten Autoseite. Die Autoflüsterin kurbelt schließlich ihre Fensterscheibe herunter und schreit über die Kreuzung, ob Sie jetzt endlich gefälligst vielleicht mal fahren wollen? Und sie winkt und winkt und winkt und winkt und Sie sind eigentlich gewillt auszusteigen und ihr eine reinzuhauen, würden aber so selbst zum Verkehrshindernis, weswegen Sie wutschnaubend fahren, genau eine rettende Haaresbreite vor dem Kaninchenwagen.

Meine lieben Leser, was machen Sie jetzt in solchen Situationen? Sie schreien? Sie schlagen um sich? Sie betrinken sich gottesgleich, weil Sie die Unfähigkeit Ihrer Umgebung nicht mehr ertragen? Und dann? Die Werbeindustrie zeigt uns mit oben beschriebenem Plakat eine ausgezeichnete Strategie, um mit den Unmöglichkeiten des Alltags fertig zu werden! Getreu dem anarchischen Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wird das Farbewerfen aus dem verpönten schwarzen Block geholt und salonfähig gemacht. Nun hat nicht jeder von uns immer solch einen Farbbeutel einstecken, auch Molotowcocktails in Hosentaschengröße sind nur schwer zu erwerben. Dennoch gibt es eine Lösung, deren Wirkung nachhaltiger ist, als alle konventionellen. Greifen Sie zu Plakatwänden! Wann immer Ihnen Situationen, wie die oben beschriebenen begegnen, laufen Sie zur nächsten Plakatwand, reißen ein ordentliches Stück heraus und ziehen es der betreffenden Person quer über den Schädel! So schaffen Sie sich nicht nur inneren Ausgleich, sondern gleichzeitig auch Freiheit im öffentlichen Raum. Ein spürbares Aufatmen wird die Gemeinschaft durchfluten, Licht und Luft können wieder die ‚werbal’ beschatteten Hirne unserer Mitbürger erreichen, diese werden hoffentlich wieder ihrer Funktion nachkommen und ich bin überzeugt: Außenwerbung trifft. Immer.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Frau Körb