Das rockt

Entsprechend den Gezeiten leiden die Menschen an entsprechenden Gebrechen. Allen voran marschiert das Alter. Ein gehässiger Kleinwüchsiger mit unansehnlichen Hautauschlägen an allen Stellen, die mit Luft und Liebe in Kontakt kommen, rammt seine klumpigen Füße in den Weg. Erst langsam, zäh und schlurfend. Später dann in Fahrt gekommen, rennt einem der hässliche Zwerg davon. Reißt alles, was er kriegen kann mit sich, eine Lawine des biologischen Tickens. Zurück bleiben Wehmut und zermahlene Erinnerungen an eine Zeit, in der alles noch besser klang, schmeckte, funktionierte, war.

Aber keine Angst, meine lieben Leser, wir beschäftigen uns heute nicht mit den Depressionen von alleinstehenden Lebenskrisen! Eine weit ernstere Krankheit, die der Gezeitenwechsel mit sich bringt, ist der Vestismus. Bei dieser grippeähnlichen Erkrankung treten beim ersten Sonnenstrahl plötzlich kreidebleiche Höhlenbewohner ans Tageslicht. Sie führen nackte Gliedmaßen aus, die bis eben und weit übers Knie noch in dicken Lammfellstiefeln steckten. T-shirts, Bermudas und Kleidchen bei einer Außentemperatur von 10 bis 15 Grad Celsius an nackigen Ärmchen und Beinchen sind die äußeren Anzeichen eines Vestismus. Hinzu kommt eine geistige Umnachtung, in der der Erkrankte sich für unermesslich schön und unbesiegbar hält. Betroffene sind sofort mit Decken zu bewerfen und umgehend einem Arzt vorzustellen.

Heuer hat auch mich eine milde Form befallen. Eines Morgens stand ich vor meinem Kleiderschrank und es drängten sich mir Rock und Stiefelchen auf. Was habe ich nicht alles versucht, um die Keime im Voraus zu ersticken! Aber ehe ich michs versah, drehte ich schon eine Pirouette vor dem Spiegel und verpasste dem Gnom des Alters einen ordentlichen Kinnhaken. Jaulend schlug er in einer dunklen Ecke meines Flures auf und ich sprang mit lustig klackernden Absätzen die Stufen im Treppenhaus hinunter. Gut, ich musste mich dabei festhalten und gab mit Sicherheit nicht die Figur einer zarten Gazelle, aber zumindest fühlte ich mich wie ein junges Reh. Unten angekommen, schwang ich mich auf meinen Drahtesel und-

Ging sofort wieder zu Boden. Ich hatte ignoriert, dass so ein Röckchen die Beinfreiheit ordentlich einschränkt. Macht nix, Mädchen, Haltung wahren, Brust raus, Pony aus der Stirn geblasen, rote Backen zeugen von Leidenschaft, rote Ohren von noch viel mehr. Ich zog einfach den Rock ein wenig höher. Auf meinem Weg fanden das mehrere Passanten bewundernswert. Sie blieben stehen, um mir nachzuglotzen. Und da erwischte mich dann ein ordentlicher Schub des Vestismus. Eiskalt löste ich die Spange an meinem Hinterkopf. Mein unheimlich glänzendes, volles, dunkles, lockiges Haar floss mir in Zeitlupe den Rücken hinab und ich wiegte langsam meinen Kopf. Zusätzlich musste ich noch meine Lippen benetzen, diese Frühlingsluft war doch recht trocken. Ein zartes Lüftchen umspielte mein Haupt, die Stiefelchen hatten einen guten Tritt auf den Pedalen und plötzlich gab es einen lauten Knall.

Einer der Glotzer war doch tatsächlich gegen ein tiefliegendes Straßenschild gelaufen. Und dies war nicht die einzige Reaktion auf meine Krankheit. Ein Pupi, der Papis Audi mitten auf dem Radweg fallen gelassen hatte, um breitbeinig an der Autotür lehnend zu telefonieren, eilte, die Tür zu schließen und Haltung anzunehmen. Rechts vor links schien wieder seine Bedeutung zurückzuerlangen, auch wenn die Betreffenden rechts und links nicht unterscheiden konnten und mir immer die Vorfahrt gewährten. Mir wurden Türen aufgehalten, ich wurde gegrüßt, noch bevor ich den Mund öffnen konnte und Sie werden es nicht glauben, ich hatte Blickkontakte! Man(n) sah auf und hin, und hinterher. Nun, auch Männer sind nur Opfer ihrer Hormone.

Gegen Nachmittag hatte mich aber dann das garstige Ticken meines Alterchens eingeholt. Der verschleierte Blick des Vestismus klärte sich und offenbarte mir eiskalt mein Spiegelbild. Füße und Rücken meldeten eine Protestaktion an, die ich mit der Aussicht auf eine abendliche Badewanne abwiegeln konnte. Allein gegen die Kälte, die knieaufwärts kroch, hatte ich kein Mittel. Diese garstige Strumpfhose schien meine Beine wie eine Schlange zu würgen und die Zirkulation zum Erliegen zu bringen. Und es begann, ganz fürchterlich zu jucken. Gegen Abend hatte ich dann schon einige Probleme, Haltung zu wahren, was mir das hämische Grinsen des Alters einbrachte. Ich schaffte es aber, auf der Rücktour nicht aus dem Sattel zu rutschen und verlor auch nur einmal fast die Contenance, als der linke Stiefel keinen Halt auf dem Asphalt einer Kreuzung fand und ich munter in Selbige hineinrollte. Und ich verlor auch nicht die Nerven, als ich zu später Stunde ganz allein durch die Dunkelheit laufen musste und meine Absätze einladend zu rufen schienen: nimm mich – ich trag – Stie-fel – nur für – dich Babe. So ein abendlicher Gang auf Zehenspitzen bringt einen doch nicht um. Noch nicht. Die letzten Schritte zu meiner Wohnung ging ich dann gemeinsam mit dem Alter. Wir einigten uns auf unentschieden und genehmigten uns auf meinem Sofa einen bequemen Schlummertrunk mit Beine hoch.

Während ich nun diese Zeilen schreibe, höre ich Musik aus einer Zeit, in der ich mühelos über Tage, ach was sage ich Wochen oder gar Monate hinweg schön, grazil und faltenfrei sein konnte. Eine Zeit, in der nichts stetig war, ich rast- und ruhelos vieles ausprobierte, Luftschlössern hinterherjagte und –

Ich bin so froh, nicht mehr zwanzig sein zu müssen!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb