Nächster Halt Endstation

Meine lieben Leser,

bitte steigen Sie an der Ihnen beliebenden Station zu. Halten Sie Ihre Fahrscheine bereit, Ihre Abteile sauber und lassen Sie sich versichert sein, heute werden wir es schaffen!

 

–Zug eins–

Flugzeugatmosphäre. Handgepäck über den Köpfen verstaut. Eingehüllt in Schwaden von Alkohol und billigem Parfum. Klugschwätzende BWL-Studenten. Heiratswillige Ostdeutschinnen. Zu laut telefonierende Hintermänner, die Mark getroffen haben und die anatomische Zeichnung 18 als Augenwinkel erkennen. Musik. This is ground control zu Major Tom!

Zu lange Arme und Beine für zu kurze Sitzgruppen, rationell, rasend schnell. Ein Turnschuh hängt im Mittelgang. Erzählt traurig seine Geschichte. Dass er Zugfahren hasst und am liebsten Rosen züchten würde. Auf einer Farm im hinteren Sonnenland.

Die BWL-Studenten haben alle arbeitsscheue Hände. Bekleidungsopfer, zum Klavierspiel gezwungen, Tennis, Reiten, Sitzplätze reserviert. Elite-Partner von gleich, sauber, praktisch, austauschbar. Diet Coke Zero Negativ Double Reset mit Namen auf dem Etikett. Erinnerungsapp im Echtlederetui. Trotzdem den Sinn schon vergessen, den sie nie zu suchen aufgebrochen waren. Münder sprudeln Worte an Scheiben. Viele viele Buchstaben verfangen sich im Gepäcknetz aus Glas. Zerplatzen an den Fensterscheiben. Dahinter der Rand der Welt, rechts und links der eisernen Schlange, die durch die Nacht zischt. In Kurven fällt. Rüttelt, schüttelt, ihre Beute verdaut. Beine, Hände unruhig. Himmelarsch, mir schläft der rechte Fuß ein. Ich bin zu alt für die zweite Klasse!

Da endlich München. Fast Mitternacht, Temperaturen nahe Null, ein Zittern vom Zeh bis in die Haarspitze, der St. Pauli Totenkopf klappert lustig mit seinen gekreuzten Knochen. Aufenthalt von einer Stunde. Beine vertreten. In einem Durchgangsbahnhof. Im eisigen Wind einer windigen Stadt aus Eis. Um den Bahnhof herum verlorene Seelen der Eisstadt. Halten sich an braunen Flaschen aufrecht. Wittern Gleichgesinnte. Bayerische Bahnhofspolizei mustert misstrauisch. Grattler, Streuner? Gültigen Fahrschein? Ach so Budapest. Von wildgewordenen Rollkoffern überrannt, Gleis 23, Einsteigen schon erlaubt.

–Zug zwei–

Der zweite Zug ist blau. Wünschte, ich wäre es auch. Reservierter Platz im Abteil, einziger Platz im Abteil. Allein im langen, gleisend hellen, vollklimatisierten Zug. Gang eng, Fenster verriegelt. Lassen sich nicht öffnen, Luft! Ruhig atmen, lang ausatmen, Herrn Pauli beruhigen. Eine Nacht der Endlosigkeit steht uns bevor. In vollgepfurzten, abgewetzten staubig krümeligen Sitzen. Ein Leintuch! Man reiche mir ein Leintuch, um den Zerfall der stolzen Schönheit eines sozialistischen Fernreisezuges zu verdecken. Platz einnehmen. Direkt neben der Klimaanlage. Ein alter Dieselmotor quält sich und mich mit stinkender Wärme, die einlullt. Zug fährt.

Erster Halt im Münchner Vorort. Herr Pauli reckt sich neugierig ans Fenster und schneidet Grimassen. Verschlafener Blick nach draußen. Eine Horde 1860-Fans mit Fahne in der Gesäßtasche, Schal um die Hälse und drohenden Visagen nahe unseres Fensters. Ich halte Herrn Pauli den Mund zu. Sehe schon Bierflaschen am Fenster zerbersten, die Horde das Abteil stürmen. Frau K. erledigt wegen vorlautem Pullover in schlechter Umgebung.

Zug fährt wieder. Stinkt. Unmöglichkeit zu bequemer Position. Schlaf überfällt. Bahnhof kommt. Mit ihm ein kleines Kaninchen mit Rollkoffer und Stiefelchen. „Ich hab Angst!“, sagt es schüchtern, nachdem es endlich sitzt. Zu zweit im leeren Abteil. Beinfreiheit. Beine wollen keine Freiheit. Beine wollen schlafen. „Keine Angst.“, murmelt Mund. „Bin ja da. Herr Pauli auch. Zur Not auch Karate.“ Kleines Kaninchen spricht hektisch in sein Telefon. Wieder Lullerschlaf. Unterbrochen vom anspringenden Dieselgenerator. Schaffner klopft, Fahrschein, Herr Pauli? – Na danke! Silberne Zange zwickt, böse geblickt, Tür zu, Schaffner geht. Vier Stempel schon auf einem Fahrschein. Brav Schuhe aus, Füße auf den Sitz gegenüber. Beine biegen sich durch bis nach Österreich. Schlullerschaf.

Zug steht. Still. Totenstill. Verlassener Bahnhof Salzburg. Einzig eine verlorene Seele einer weiteren Eisstadt sucht verschämt nach Resten in stehengelassenen Flaschen und Dosen. Das Kaninchen seufzt leise. Die Seele fühlt sich beobachtet und flieht eilig ins Tunnelsystem. Tiefe Traurigkeit nachts um halb zwei. Und immer noch keine Luft. Genick schwillt an, drückt Hirnmassen von unten an die Schädeldecke. Wahnsinnige Anzeige an digitalen Tafeln, Schriften überholen sich, werfen sich aus den Zeilen und überwachen den verlassenen Bahnhof. Zug fährt. Um zwei. Bis zum Ende des Bahnsteiges. Zug steht. Schlaf. Abstellgleis. Egal. Schlafschaf.

–Zug drei–

Ein spitzer Schrei aus dem Nachbarabteil! „Gehen Sie weg!“, schimpft eine Frau. Hellwach. Schädel kurz vor dem Platzen. Das Kaninchen und ich springen in unsere Schuhe, sitzen aufrecht. Angst. Panik! „Ruhig Mädels!“, sagt Herr Pauli. Drüben wütendes männliches Gebell. „Verschwinden Sie endlich!“ die Frau. Das Kaninchen zittert. Pfefferspray in die Hand. Dem Kaninchen gezeigt, es zuckt zusammen, sieht sich schon als Braten in Pfeffersoße. Mit Klößen. Eine Tür schlägt, ein grauer Mann im Gang mit Wollmütze. Und Zigarette. Dabei Rauchverbot im ganzen Zug. Schaut böse in unser Abteil. Herr Pauli und ich schauen so bös zurück, wie wir nur können. Mann verschwindet, Stille. So laut, dass die Ohren dröhnen. Zug steht Kopf. Fährt. Rückwärts. In den Bahnhof. Steht. Fährt. Stinkt. Fährt. Fährt. Fährt. Träge Schuhe aus. Füße hoch aus Österreich, ein Hoch auf Österreich! Fährt. Schläft. Rumpelt. Rattert. Stinkt. Drückt. Schläft.

Erwacht. Sonnenaufgang in Wien. Fahrkarten bitte, Herr Pauli? – Na danke!, Tür zu. Das Kaninchen ist da. Bedankt sich zweimal und hoppelt aus dem Zug in die Wiener Vorstadt. Hoffentlich ist es richtig ausgestiegen, das arme. Noch vier Stunden bis Budapest. Unfähig aufzustehen. Gelähmt durch postsozialistische Zerstörungswut jeglichen kapitalistischen Blendwerkes. Fahrkartenkontrolle in Ungarn. Ah Budapest bitte, Herr Pauli? – Na danke, szia. – Nem, csókolom hülye!

Sonnenschein in ganz Ungarn. Frisches Grün auf den Wiesen, Feldern, Ruinen. Kleine Dorfbahnhöfe im Dornröschenschlaf. Dornröschen alt und dem Verfall preisgegeben. Die Zeit stehengeblieben in den Achzigern. Grau, braun, grün, gelb. Dazwischen Blauuniformierte in grellen Neonwesten. Überwachung total und wenn es nur der Stuhl neben dem Schrankenhäuschen ist. Morbider Schwermut über dem ganzen so stolzen Land. Eine Stunde noch bis Budapest. Füße vom Sitz!

Da endlich! Im Staccato nähert sich der erste Hauptstadtbahnhof. Kurven. Schleudern. Stehen. Rucken. Fahren. Stehen. Womöglich ist das der Wecker für die Leute in den Liegewagen. Aufstehen, sammeln! Alle Innereien an die vorgesehenen Plätze. Magen weigert sich. Vorwärts vorwärts und nicht vergessen. Endstation, alle raus. Ein Schwall rollender Menschenkoffer ergießt sich auf einen Bahnsteig. Zu langsam mitten auf einer Ameisenstraße. Emsig schiebt es mich in ein Bahnhofsgewölbe. Wo ist mein Kopf? Das Gewölbe schreit nach der aufbrechenden Eleganz der Jahrhundertwende. Erbaut von Gustav Eiffel. Morbide Schönheit, verloren im Zeitstrom der Moderne. So wie ich. Klänge der Stadt, Sirenen in der Badewanne. Willkommen in Budapest!

 

Als Fazit dieser Reise und ihrer zerquetschten Rückfahrt unter Polizeischutz in einem bis auf den letzten Platz ausgebuchten Abteil kann ich Ihnen nur sagen, die einzige Möglichkeit der Flucht ist der Weg in uns selbst! Deswegen werde ich gleich morgen einen Kurs in Ohm-Shanti-Yoga-Joghurt beginnen und die nächste Reise lieber wieder in einem komplett von mir gesteuertem Gefährt durchführen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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