Lügennot

Kürzlich hatte ich eine schwierige Aufgabe. Ich musste einem Kunden erklären, dass ich ihn nicht mehr betreuen kann und eine weitere Zusammenarbeit mit mir und der Firma keinen Sinn mehr macht. Nun hatte ich diesen Kunden schon aus dritter Hand, denn er war recht eigensinnig, um nicht zu sagen unerträglich. Von daher erklärte sich natürlich auch kein Kollege bereit, ihn von mir zu übernehmen. Ich hatte sozusagen die Arschkarte in Platin gezogen, denn ich musste ihn loswerden, ohne ihn gänzlich in Missstimmung der Firma gegenüber zu bringen. Auftrag von oben: ein unzufriedener Kunde braucht zehn zufriedene zur Ausmerzung, das können wir uns nicht leisten, oben Ende. Gut, Frau Körb verstanden, over and out. Jawohl, ganz weit draußen stand ich. Diplomatie ist nicht mein Geschäft, ich gehe immer auf direktem Weg über Los, nur hat der 200-Kröten-Stand da meist geschlossen.

In der Not mag selbst eine Frau Körb Fliegen und so hatte ich mir denn ein Konzept der Notlügen zurechtgebastelt. Aber die Wahrheit stand immer dahinter. Ich hatte rechte Mühe, sie zurückzuhalten:
Guten Tag Herr Kunde, ich habe eine schlechte Nachricht. (Guten Tag, jetzt sind Sie einfach mal still und hören mir zu!)
Sie wissen ja, ich war in den letzten Wochen krank. (Wissen Sie, die letzten Wochen ohne Sie waren sehr erholsam.)
Und jetzt hat mir der Arzt für die nächste Zeit das Autofahren untersagt. (Rücken+Autositze+Fehlhaltung, das klingt doch plausibel.)
Ja leider leider, aber es geht nicht anders. (Leider leider immer weider, ich möchte nicht mit Ihnen diskutieren!)
Ich habe alles versucht, aber ich finde keine Vertretung. (Die Kollegen zeigen mir den Vogel, denn niemand kann Sie hier leiden!)
Wenn sich etwas ändert, werde ich mich selbstverständlich bei Ihnen melden. (Einen Teufel werde ich tun und Sie machen, dass Sie aus meinem Leben verschwinden!)

Der Kunde erklärte mir dann allen Ernstes, dass er sehr – sehr! – zufrieden gewesen sei mit meiner Arbeit und dieses plötzliche Ende unserer Zusammenarbeit (Wir – zusammen???) sehr –sehr – schade wäre, aber selbstverständlich ginge die Gesundheit vor und alles – alles! – Gute noch für mich.

Da war ich sprachlos. Und fühlte mich so richtig schön schlecht. Eine Notlüge ist eben doch eine Lüge und verursacht ein schlechtes Gewissen. War er vielleicht doch kein so schlimmer Kunde und ich hatte mich die ganzen Jahre nur vertan? – Nein! Er war ein energieraubendes, kräftezehrendes Nervenbündel und würde es immer bleiben! Ich redete mir ins schlechte Gewissen, es möge doch bitte meinen Raum verlassen, letztendlich gingen alle Beteiligten zufrieden aus diesem Patt heraus. Der Kunde hatte ein Hauch Schicksal gespürt, das kann man nun mal nicht ändern. Die Firma behielt ihren guten Ruf und mir für meinen Teil fiel ein Stein aus dem Terminkalender. Plötzlich konnte ich den Dienstag, an dem ich sonst den Kunden betreut hatte, so richtig gut leiden.

Mein lieben Leser, benutzen auch Sie bewusst eingesetzte Ausreden – kleine Notlügen erhalten die Gesellschaft!

 

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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