Wintermütter

Draußen war es Frühling, mitten im Januar. Herr und Frau Vogel zogen los, um sich Nest und Nachwuchs zu bauen. Die Hyazinthen schossen aus der Erde, wie der Jäger im Augustenwalde. Die ganze Natur hält der Geschwindigkeit der Moderne stand und nutzt den Klimawandel, um sich im Jahr dreimal fortzupflanzen. Nur der Mensch schläft.

Er hält es nicht für nötig, sich dem natürlichen Gang der Dinge und seiner Grundverpflichtung der Arterhaltung zu stellen. Mensch bekommt den Nachwuchs nicht im Frühling seines Lebens, wenn er voll Kraft noch strotzet und gesunde Zellen weitergeben kann. Er nutzt auch nicht den Sommer, wenn er gut im Futter steht, nein, Mensch denkt erst einmal darüber nach. Muss erst Kariere machen. Seine Jahre verplempern mit Schneeschuhfahren und Reisen nach ägyptisch Indonesien. Muss suchen, damit der Lebensabschnittsbegleiter auch wirklich der absolut passende ist. Aber vielleicht ist ja doch der Nachbar besser? Der eine hat das und der andere das, hach, es fällt so schwer, eine Entscheidung zu treffen. Schließlich ist die ja dann für die Ewigkeit. Was auch immer das bedeutet, aber es gruselt Mensch bei dem Gedanken daran. Und so flattert er von einer Blüte zur nächsten wie ein hungriger Kolibri und es verrinnen die Sekunden der biologischen Uhr, tick tack tick tack tick tack. Und dann schlägt’s plötzlich dreizehn. Da fällt dem menschlichen Weibchen plötzlich auf, dass es schnurstracks auf die Wechseljahre zusteuert, man kann es bereits riechen und Hilfe Hilfe, hop hop hop – ein Kind muss her! Ein Kind, ein Sinn, eine Erfüllung, sonst macht doch alles keinen rechten Spaß, das ganze Karierisieren und indo-chinesische Schneeschuhfahren! Da macht noch nicht einmal biologische Ernährung und polito-ethische Kleidung einen Sinn, denn wofür soll man denn den Planeten erhalten und besser machen? Etwa für fremde Bälger, die sie zuhauf auf Straßen in armen Ländern leben? Nein nein, es muss schon mein sein. Mein Haus, mein Auto, mein Kind.

Also werden Großmütter zu Müttern. Sie bekommen ihre Kinder ab Mitte Vierzig, gelobt sei der medizinisch-technische Fortschritt und haben sich wieder ein „mein“ erfüllt. In nicht wenigen Fällen hat dieses dann den IQ eines Toastbrotes. Das Genmaterial war eben nicht mehr frisch, sondern der Kistenkratz. Aber dafür haben die Müttergroßmütter eine Aufgabe bis ans Ende ihres Lebens. Oder aber sie haben ein primär gesundes Kind, schön anzusehen, Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit, alles wunderschön und so einmalig, das Erlebnis! Pullöverchen stricken, Strampelanzüge kaufen, Fotos für die Verwandtschaft machen, in Faschingskleider stopfen, alles zuckersüß – bis zu dem Moment, wenn das primär gut funktionierende Sofapüppchen Widerstand leistet. Wenn es der rundum glücklichen Mutter herzhaft in die Brustwarze beißt. Wenn es sieben Nächte am Stück durchschreit, weil der Pups im Zahn drückt. Wenn es versucht, die Badewanne mit dem Staubsauger zu leeren. Wenn es partout nicht auf das Töpfchen will. Dann ist das doch nicht mehr schön so, Kind. Das musst du doch verstehen, das geht doch nicht so. Das darf man doch nicht machen und überhaupt gehen wir alle aufs Klo und niemand pinkelt in den Gang. Das geht doch nicht und das musst du doch begreifen, du Kind du.

Das Kind aber begreift nicht. Es greift. Und zwar genau in Muttergroßmutters Hals, wo es besonders weh tut. Oder in Spätpapas Weichteile, die derartige Belastungen nicht mehr gewohnt sind, liegt doch die Bolzplatzabhärtung gute 20 Jahr zurück. Und über Nacht werden die Eltergroßeltern alt. Die Zellen zerfallen rapide, das Nervenkostüm ist schon längst verschlissen und an den Schulen stehen zittrige 60jährige, die nach Verwesung und Tod riechen und holen ihre Zweitklässler ab. Denen ist es sichtlich peinlich, wenn die Kameraden quer durch den ganzen Pausenhof schreien: „Abgeholt! Dein/e Oma/Opa ist da!“

Es ist eine psychologische Folter für Kinder in diesem Alter! Sind die Eltern jung, ist der Gedanke an deren Tod die Ewigkeit eines halben Lebens vom Kind entfernt. Es kann sich entfalten und beruhigt sein, dass die eigenen Eltern noch Enkel und vielleicht sogar Urenkel kennenlernen werden. Alte Eltern sterben statistisch gesehen in der Hälfte der Ewigkeit, also genau dann, wenn das Kind die Adoleszenz hinter sich gebracht hat und die beratende Stimme der allwissenden Eltern wieder hören kann. Welches Kind erleidet da nicht schon im Grundschulalter ein Verlustangstsyndrom und wird mit großer Wahrscheinlichkeit unfähig sein, je eine feste Bindung einzugehen und selbst eine Familie zu gründen?

Die Muttergroßmutterschaft zerstört also vorsätzlich die Gemeinschaft der Gesellschaft aus rein egoistischen Gründen und deswegen stelle ich mich hier und heute auf Tische und Stühle und fordere vehement: Keine erzwungene Mutterschaft mit über 40! Kinder passieren natürlich und werden nicht rational gemacht. Darum meine lieben Leser, lassen Sie es passieren, wenn es passieren soll!

Und wenn es denn nicht passieren soll, kann man mit einem gebrauchten Kind immer noch den Fortbestand der eigenen Art gewährleisten. Es muss nicht immer alles fabrikneu sein! Sie können ein Kind adoptieren, oder aber Sie greifen auf unsere recycelten Modelle zurück. Hierbei handelt es sich um an Altersstarrsinn leidende Rentnerinnen und Rentner, die sich aufführen, wie Dreijährige in der tiefsten Trotzphase. Diese Modelle haben noch dazu den Vorteil, dass Sie nicht 40 Jahre nur ein einziges Kind betreuen, sondern alle 10 bis 20 Jahre wechseln können. Wer also die Vielfalt und Abwechslung schätzt, für den ist das recycelte Modell vom gebrauchten Kind genau das Richtige!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

Ein Kommentar zu “Wintermütter

  1. Pingback: Ei, ei, ei | Frau Körb

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